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Italien · Ortler-Alpen

Ortler Storming

Ausgabe 2025 · Text: Ben Tibbetts · Fotos: Ben Tibbetts · 3 min Lesezeit

Ortler Storming

Der Frühling brach schnell über die Ostalpen herein. Als wir gegen Mittag am Forni-Parkplatz ankamen, war der Schnee des Winters schon weit den Hang hinauf weggeschmolzen. Stu, Misha und ich machten uns zu Fuß auf den Weg, folgten dem Sommerweg bis zur Schneegrenze. Über uns kreiste ein Bartgeier, …

Der Frühling brach schnell über die Ostalpen herein. Als wir gegen Mittag am Forni-Parkplatz ankamen, war der Schnee des Winters schon weit den Hang hinauf weggeschmolzen. Stu, Misha und ich machten uns zu Fuß auf den Weg, folgten dem Sommerweg bis zur Schneegrenze. Über uns kreiste ein Bartgeier, suchte das Gelände ab und fixierte eine Gamsherde – auf der Suche nach dem leisesten Versprechen von Aas. Unter der Mittagssonne stiegen wir weiter zum Bivacco Giampaolo del Piero, das auf dem Grat zwischen Monte Confinale und Cima della Manzina liegt. Nur hundert Meter unterhalb des Sattels lösten wir eine schwache Schneeschicht aus. Wie eine Welle, die sich wie ein Güterzug über mehrere hundert Meter Schneefeld fortpflanzt, spürten wir den Druck.

Wir froren ein, Adrenalin schoss hoch. Da die Neigung knapp unter 30° lag – jener kritische Winkel, bei dem Lawinen oft abgehen – hielt alles. Doch diese Warnung reichte, um den Plan zu ändern. Über loses Geröll stiegen wir zum Grat und erreichten die Biwakschachtel – dankbar für die Pause und ein spätes Mittagessen. Trotz der wunderschönen Lage mit Blick auf das Val Zebrù lockte uns die Aussicht auf mehr Komfort im strahlend neuen Bivacco Città di Cantù, das jedoch weit hinter dem Monte Zebrù versteckt liegt. Nachdem wir uns von unserem Schreck erholt hatten, änderten wir unsere Route und fuhren auf kaltem Pulver in Richtung Norden ab, wobei wir vorsichtige Schwünge machten und steiles Gelände mieden.

Ein Traverse nach rechts führte uns über eine Schulter ins nächste Tal im Osten, wo wir den Torrente Zebrù an einer flachen Stelle überquerten. Am Rifugio V Alpini verschlechterte sich das Wetter, die Wolkenschicht sank. Böen und Schneefahnen am Gletscher darüber kündigten an, dass die Tour weit anspruchsvoller werden würde als gedacht. Auf 3.300 Metern, am Vedretta dello Zebrù, hielten wir, um die Lage zu besprechen. In der Annahme, dass wir uns jederzeit in die gerade passierte Schutzhütte zurückziehen könnten, begaben wir uns in Schneetreiben und schlechte Sicht und seilten uns an, um das Labyrinth aus Gletscherspalten zu durchqueren. Ich führte straff am Seil, sondierte vorsichtig über breite Schneebrücken. Mit letzter Kraft erreichten wir bei Stirnlampenlicht

den Kamm, irrten durch den Nebel – und stolperten im letzten Moment über die rettende rote, fünfeckige Kapsel. Die kleine Hütte klebt auf einem schmalem Band an einem bröckelnden Grat. Kein Wunder, dass man sie nicht größer gebaut hat: Es gibt kaum Platz, um außen um die Metallschachtel herumzugehen. Fotos vom holzgetäfelten Inneren hatten mich glauben lassen, eine moderne Isolierung würde vor der Kälte schützen. Doch draußen waren es minus 14 Grad – drinnen kaum ein Grad mehr. Das Bivacco, 1971 errichtet, stand an der Stelle der Hochjoch Hütte (3.553 Meter) von 1901. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs zerstörten italienische Alpini diese jedoch, um sie nicht den Österreichern überlassen zu müssen. Wir machten es uns so bequem, wie es ging.

Der Kocher brauchte über drei Stunden, um genug Schnee für das Abendessen zu schmelzen. Trotz der Flamme und unserer Körperwärme blieb der enge Raum eiskalt. Ich hatte zu sehr auf die Isolierung vertraut – ein Metalkörper auf einem ausgesetzten Grat ist nunmal nichts anderes als ein Kühlschrank. Stu und Misha blieben gut gelaunt und optimistisch. Wir überstanden die Nacht mit allen Schichten am Körper, eingewickelt in zu wenige Decken. Am nächsten Morgen standen wir in der Hoffnung auf einen Sonnenaufgang früh auf, aber die Wolken hielten sich hartnäckig über unserem Bergrücken. Der Wind war unerbittlich, und da wir kaum ausreichend Kleidung dabei hatten, gaben wir jeden Versuch, den Monte Zebrù zu besteigen, auf. Stattdessen seilten wir uns erneut an und stie-

gen den Gletscher hinab, der von Gletscherspalten durchzogen war, ohne ein Zeichen unserer Aufstiegsspuren zu finden. Noch einmal passierten wir das Rifugio V Alpini. Dieses Mal stiegen wir über den südlichen Arm des Gletschers zum Sattel unter der Cima della Miniera auf. Der einst leichte Übergang nach Osten zum Ghiacciaio della Miniera war mittlerweile zur ausgesetzten Kletterei mutiert – der zurückweichende Gletscher hatte das Gelände völlig verändert. Wir diskutierten Alternativen, änderten den Plan, fuhren über eine steile Westflanke ab und hielten uns dann südlich, überquerten abermals den Torrente Zebrù. Als wir den Passo Zebrù überquerten, suchten wir den Horizont ab, in der Hoffnung auf besseres Wetter.

Ortler-Sturm
© Ben Tibbetts
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© Ben Tibbetts
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© Ben Tibbetts
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© Ben Tibbetts
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© Ben Tibbetts

Fahrer: Misha Gopaul, Stuart Johnston

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