USA · Chugach Mountains
Seeking Simplicity
Ausgabe 2025 · Text: Christoph Johann · Fotos: Christoph Johann · 4 min Lesezeit

Meine Finger sind taub vor Kälte, als würde der Frost in meine Knochen kriechen. Die Sonne ist fast verschwunden, nur ein schmaler Lichtstreifen wirft lange Schatten über den Schnee. Die Temperatur fällt rasch; jeder Atemzug brennt. Schritt für Schritt gehe ich weiter, langsam, bedacht – nicht aus …
Meine Finger sind taub vor Kälte, als würde der Frost in meine Knochen kriechen. Die Sonne ist fast verschwunden, nur ein schmaler Lichtstreifen wirft lange Schatten über den Schnee. Die Temperatur fällt rasch; jeder Atemzug brennt. Schritt für Schritt gehe ich weiter, langsam, bedacht – nicht aus Angst, sondern aus Respekt vor dem, was vor mir liegt. Der Schnee knirscht unter den Boots, das einzige Geräusch in der Stille. Dann sehe ich ihn: einen Wechtenüberhang, der sich über den Abgrund wölbt – zugleich schön und gefährlich. Darunter: Leere. Das Funkgerät knistert: „Stopp! Keinen Schritt weiter!“ Ich antworte nicht. Ich bin schon dort, wo ich sein will. Das letzte Licht fließt über die Chugach Mountains.
Für einen Moment weiß ich: Das ist der richtige Ort, die richtige Zeit. Fast unwirklich. Alaska hatte ich schon seit über einem Jahrzehnt im Kopf. Es gibt keinen anderen Ort wie diesen. Der Schnee haftet an unglaublich steilen Hängen und macht Linien möglich, die anderswo unfahrbar wären. Die Berge sind gewaltig, die Schneequalität unübertroffen, und einige der ikonischsten Bilder des Skisports wurden hier aufgenommen. Nicht umsonst wird dieser Ort als „Testgelände“ bezeichnet. Die Anreise ist schwierig – um auf Skiern ins Herz des Landes zu gelangen, braucht man Geduld, Ausdauer und Zeit. Aber sobald man da ist, gehört es einem ganz allein. So weit der Traum, der dann vor einigen Monaten durch eine unerwartete Einladung zu einem Aufenthalt
rief meinen Freund Simon Hillis an, Profiskifahrer aus British Columbia. Für uns beide war dies mehr als ein Trip. Wenige Tage später standen wir auf der Terrasse der Lodge, hoch über einem glitzernden Fjord, der sich hin zum Pazifik öffnete. Hinter uns: Wildnis in alle Richtungen, die Chugach Mountains zum Greifen nah. Cordova ist kein Ort, den man zufällig findet – es führt keine Straße hierher. Man fliegt ein. Oder kommt erst gar nicht her. Die ersten Tage warteten wir. Stürme rollten vom Ozean heran, Regen trommelte aufs Dach, ging in Schnee über. Wir spielten Tischtennis, checkten die Ausrüstung, sahen immer wieder zum Himmel. Am fünften Tag riss der Himmel auf.
Wir stiegen auf, zogen los, quer durch den Wald und hinein ins alpine Gelände: Gletscher wie gefrorene Flüsse, Klippen ins Nichts, Spines und Pillows in alle Richtungen. Unberührte Linien, kilometerweit. Über zwei Meter Neuschnee – trocken, leicht, bodenlos.
An diesem ersten Tag hielten wir uns an flachere Hänge, um die Schneequalität zu testen. Mühelos – jeder Schwung warf eine Wolke aus kaltem Pulver auf, die in der Luft stehen zu bleiben schien. Die Fotos waren schon jetzt beeindruckend, wichtiger aber war: Wir lernten – wo der Wind den Schnee hinverfrachtet hatte, wo die Sonne ihn aufweichen könnte, was dieser Ort geben und nehmen kann. Dann zog das Wetter wieder zu. Weitere Tage in der Lodge. Mehr Warten, Linien auf Karten einzeichnen, Berge zwischen Wolkenfetzen verschwinden und wieder auftauchen sehen. Als der Himmel erneut aufklarte, waren wir bereit. Alles lag nah – direkt hinter der Lodge. Die Nähe der Möglichkeiten wirkte beinahe unwirklich.
Wir fuhren Spines, sprangen Pillows, zogen Turns durch unberührten Powder, der im Streiflicht glühte. Jede Abfahrt endete im stillen Staunen. Dann waren wir oben am Grat. Hoch über allem wölbte sich die Wechte unter meinen Stiefeln ins Leere. Dahinter die Spines, von denen ich geträumt hatte – steil, makellos, als hätten sie auf uns gewartet. Simon stand bereit, prüfte das Gelände. Ich hob die Kamera, der Atem beschlug den Sucher, meine Hände zitterten. Monate der Planung hatten hierher geführt. Dann seine Stimme: „Ich habe kein gutes Gefühl. Es ist schon spät. Ich bin mir wegen der Schneedecke nicht sicher.“ Einen Augenblick später war die Traumlinie Geschichte. Ohne ein
Wort drehten wir um, die Enttäuschung greifbar. Wir stiegen ab auf ein Gletscherplateau. Mein Blick schweifte ab. Eine andere Flanke zog mich an – kleiner, ruhiger. Ein makelloser Hang aus windgepresstem Pulver, geformt zu einer perfekten Sanduhr aus Licht und Schatten. Keine Spines, keine Wechte. Nur Form und Schlichtheit. Simon hatte sie auch gesehen. Zehn Minuten später standen wir darüber. Er fuhr hinein. Schneekristalle schwebten wie Sternenstaub über seiner Spur. Klick. Ich drückte ab. Nicht die größte Linie. Sicher nicht die steilste. Auch nicht die gefährlichste. Aber der Moment, der exakt das eingefangen hat, warum wir diesem Wahnsinn nachjagen. Nicht für den Ruhm. Nicht für das Risiko. Sondern für die Schlichtheit.





Fahrer: Simon Hillis



