USA · Chugach Mountains (Alaska)
The Fifty Peaks Project
Ausgabe 2020 · Text: Ming Poon · Fotos: Ming Poon · 5 min Lesezeit

Einen Schritt nach dem anderen stiegen wir durch die Steilwand der Sphinx nach oben. Schritt, Axt, Schritt, Axt. Ich sah die mehr als 500 Höhenmeter in die Tiefe und wusste, dass ich bei einem Sturz …
Einen Schritt nach dem anderen stiegen wir durch die Steilwand der Sphinx nach oben. Schritt, Axt, Schritt, Axt. Ich sah die mehr als 500 Höhenmeter in die Tiefe und wusste, dass ich bei einem Sturz viel Zeit haben würde, über alles nachzudenken, während die Wand an mir vorbeischießt. Ich würde einfach nur fallen, immer schneller werden, bis ich den Gletscherabbruch erreichen, auf den Gegenhang prallen und schließlich in dem dunklen Loch zwischen Fels und Eis verschwinden würde. Wenn man seine Umgebung und die möglichen Gefahren genau wahrnimmt, bleibt man Schritt für Schritt extrem fokussiert. Und so schafften wir es endlich durch den Steilhang. Aber wo geht es von hier nun weiter? Und wie kommen wir später wieder herunter?
Cody Townsend wuchs in Santa Cruz, Kalifornien, auf und ging wie alle anderen im Pazifik surfen. Aber es dauerte nicht lange und er entdeckte in den Bergen der Sierra Nevada seine Leidenschaft fürs Skifahren sowie seine zukünftige Heimat Squaw Valley. Und dort lernte ich ihn dann kennen. Wir waren beide 18 und ständig auf der Suche nach dem nächsten, noch perfekteren Powdertag. 18 Jahre später ist Cody einer der besten und anerkanntesten Skifahrer aller Zeiten. Er ist in Dutzenden Filmen zu sehen, hat internationale Wettbewerbe und verschiedene Preise gewonnen. Nicht schlecht für einen Surfer von der kalifornischen Küste. 2018 sprach ich mit Cody über unseren Traum, große Linien ohne Helikopter zu befahren.
Er war besessen von dem Buch „Fifty Classic Ski Descents“ von Davenport, Burrows und Newhard. Darin geht es um viele großartige Touren, von denen wir einige bereits gemacht hatten. Ganz oben auf der Liste standen ein paar der bedeutendsten Abfahrten wie University oder Sphinx. Cody war angefixt. Und so startete das Fifty Project. Über die nächsten drei Jahre wollte er gemeinsam mit dem Filmemacher Bjarne Salen fünfzig Skiklassiker in Nordamerika abhaken, jedes Mal mit anderen Locals, Pros, Freunden und Fotografen. Ich ließ meine Wunschliste da. Die Sphinx befindet sich in den Chugach Mountains in Alaska. In dem Buch ist sie eine der atemberaubendste Linie, tatsächlich aber ist sie eine der markantesten und schönsten überhaupt.
Jeder echte Skifahrer würde sofort unruhig werden, wenn er sie sieht: Geformt wie eine perfekte Raute, konstant über 50 Grad steil und gut 600 Meter hoch. Aufgrund ihrer Ästhetik haben sich bereits viele andere an ihr versucht. Ich habe sie oft in Filmen, Zeitschriften, auf Plakaten und auch persönlich gesehen, als ich noch bei Points North Heli Adventures arbeitete. Der Wunsch, sie zu befahren, wurde dabei jedes Mal stärker. Vor ein paar Jahren stiegen ein paar Freunde bei perfektem Powder hinauf und befuhren sie. Meines Wissens war es das erste Mal ohne Heli. Das konnten wir auch. Jetzt gab es kein Halten mehr. An einem Februarabend rief mich Cody an. „Quinner hat das Wetter durchgegeben. Sieht so aus, als wäre die Zeit gekommen.
Es gibt ein kleines Wetterfenster. Ich fliege mit Bjarne hoch.“ Kevin Quinn ist der Besitzer von Points North Heli Adventures in Cordova. Der gebürtige Alaskaner ist ein echter Chugach-Skipionier. Er kennt die Gegend wie seine Westentasche, außerdem kennt er Cody und mich gut. Ich dachte: „Wenn Quinner sagt, es geht, dann geht es!“ 36 Stunden später saßen wir im Flugzeug nach Cordova. Am Tag nach unserer Ankunft wollten wir die Sphinx befahren, am Tag danach den Pontoon, einen Tag später wieder nach Hause fliegen. Die großen Touren in den Chugach macht man gewöhnlich im März oder April, wenn sich der Schnee gesetzt hat und die Tage länger werden. Große Linien wie die Sphinx werden maximal vielleicht ein oder zwei Mal pro Jahr gefahren.
Die Sphinx liegt einige Meilen oberhalb des Sheridan-Gletschers im nördlichen Chugach. Die nächstgelegene Stadt ist Cordova, eine kleine Fischerstadt, die nur per Boot oder Flugzeug erreichbar ist. Wir begannen erst gegen Mittag, in die Wand zu steigen, um das späte Nachmittagslicht einzufangen. Wir schafften es schnell über den Gletscherbruch, danach ging es unangeseilt weiter. Den steilen Gipfelgrat erreichten wir nach etwa 1,5 Stunden. Nachdem wir die steile und exponierte Stufe am Grat geschafft hatten, zweifelte ich, dass der Hang befahrbar wäre, vor allem der Übergang ins Couloir: 60 Grad steil und der Schnee türmte sich darin auf.
Für mich war hier Schluss, von noch weiter oben würde ich mit meinem Snowboard mit Sicherheit nicht mehr abfahren können. Bjarne und Cody gingen noch weiter, schließlich aber kletterten sie auf den Absatz hinunter, den ich in den Schnee geschlagen hatte. Keiner von uns würde vom Gipfel losfahren. Der Plan war nicht aufgegangen. Die ersten Schwünge sind immer die nervenaufreibendsten, aber wir waren zuversichtlich, denn wir kannten die Schneequalität bereits vom Aufstieg. Im gold-roten Nachmittagslicht zauberte Cody perfekte Turns in den Hang. Wenig später waren er und Bjarne unten auf dem Gletscher angekommen. Jetzt war ich dran. Ich machte langsame, präzise Schwünge. Spektakulär ist anders, aber sicher ist sicher.
Für mich gibt es drei Regeln, wenn ich in die Berge gehe: Gesund nach Hause kommen; gesund mit allen Freunden nach Hause kommen; erfolgreich nach Hause kommen. Wir hatten unser Ziel nicht geschafft, dafür aber gemeinsam ein großartiges Abenteuer erlebt. Um diesen Sport lange zu machen, muss man auch einmal „Nein“ sagen können. Das ist kein Regelverstoß, ganz im Gegenteil. Als wir am nächsten Tag den Pontoon bestiegen, drehten wir ebenfalls kurz vor dem Gipfel um. Obwohl uns die geplanten Befahrungen nicht gelungen waren, hat das Erlebnis unsere Bergfreundschaft gefestigt und gleichzeitig die Grundlage geliefert, viele andere Touren aus dem Fifty Project und darüber hinaus durchzuziehen.
Genauer gesagt haben Cody, Jeremy Jones und Bjarne zwei Monate später den Meteorite und den Pontoon Peak erfolgreich bestiegen und befahren. Die Sphinx jedoch steht nach wie vor auf der Liste.





Fahrer: Cody Townsend



