USA · Cascades (Glacier Peak Wilderness)
The Painted Traverse
Ausgabe 2015 · Text: Jason Hummel · Fotos: Jason Hummel · 5 min Lesezeit

Bei 2.315 Quadratkilometern Fläche ist es nicht schwer, Ecken in der Glacier Peak Wilderness Washingtons zu entdecken, die mir bisher unbekannt waren. Dazu muss man wissen, dass ich fast alles dort …
Bei 2.315 Quadratkilometern Fläche ist es nicht schwer, Ecken in der Glacier Peak Wilderness Washingtons zu entdecken, die mir bisher unbekannt waren. Dazu muss man wissen, dass ich fast alles dort bereits gesehen habe. Monate meines Lebens verbrachte ich damit, die Gipfel und Täler zu Fuß oder auf Ski zu erkunden. Bedauerlicherweise leidet das Naturgebiet wie so viele andere, die von einem Vulkan dominiert werden. Alle möchten den Star der Gegend, den Vulkan, so schnell und direkt wie möglich erreichen, weswegen ihre Wege meist direkt dorthin führen. Der Rest wird einfach ignoriert. Geht man jedoch nur ein paar Schritte in eine andere Richtung, gibt es viele weitere, ruhigere Berg-Schönheiten zu entdecken.
Und die allerbesten Ecken kann nur der kennen, der hier bereits viel Zeit verbracht hat. An der südwestlichen Flanke des Glacier Peak gibt es eine Bergkette, deren Gipfel durch die „Painted Traverse“ verbunden sind. Im Februar zog ich mit meinem Freund Jeff Rich und dem Splitboarder Rowan Stewart los. Wir hatten Material und Verpflegung für fünf Tage dabei und betraten den tiefen Wald am Sauk River Trail. Nach mehreren hundert Höhenmetern kamen wir zur Schneegrenze, dann über den Wald hinaus auf offene Berghänge. Einen halben Tag später standen wir schwitzend bei 10 Grad Celsius auf dem Gipfel des Red Mountain. Ich sah zum Ruby Lake Couloir hinunter, das zwischen den beiden Gipfeln des Red Mountain liegt.
Schnell stellten wir unser Zelt auf und griffen die Ski, um noch eine Nachmittagsabfahrt zu machen. Bald konnte man über die Gipfel hinweg unsere Freudenschreie hören. Als wir die letzten Meter wieder hinauf zum Camp spurten, brach Dunkelheit herein. Ich begriff, dass dies der beste Zeltplatz der Welt sein musste: fünf Sterne zum absoluten Tiefstpreis – vier Liter Schweiß. In dieser Nacht leuchteten die Lichter am Stevens Pass. Dazwischen nur dunkle Täler, umgeben von monolithischen Gipfeln. Der nächste Morgen war kühl. Die Sonne trieb uns aus den Schlafsäcken, als sich ihre ersten warmen Strahlen rot schimmernd über den Red Mountain ergossen – daher der Name.
Auf der Gratüberschreitung der Painted Traverse gibt es sieben Gipfel und mit Ausnahme eines einzigen sind alle nach Farben benannt. Der Skullcap – ich weiß nicht, warum er so heißt, passt nicht zu den anderen: Red, Brown, Magenta, Purple, Black und White Mountain. Wenn alles gut ging, wollten wir auch den Glacier Peak etwas abseits der klassischen Routen mitnehmen. Er wird von der Urbevölkerung „DaKobed“ genannt, was so viel heißt wie „Großer Vater“. Bald kamen wir zum Black Mountain. Eigentlich wollten wir an diesem Tag Ski fahren, aber wir waren spät dran. Stattdessen errichteten wir das Camp, stiegen noch vor Sonnenuntergang auf eine Schulter am Black Mountain und bestaunten den Sonnenuntergang über dem Sloan Peak, einem Miniatur-Matterhorn.
Das Farbenspiel war gewaltig, dann verblasste alles und wurde vom Sternenhimmel abgelöst. Am nächsten Tag ließen wir die Zelte zurück und stiegen zum Aussichtspunkt des Vorabends zurück. Von dort ging es durch eine steile Wand, die uns an einen schmalen Grat unterhalb der Nordflanke brachte. Wir stiegen weiter auf und kletterten die letzte Passage zum Gipfel, von wo Jeff und ich auf DaKobed blickten. Beide waren wir schon oft auf seinem Gipfel gestanden, anders jedoch Rowan. Er stieß zu uns, und ich sah das Glitzern in seinen Augen. Als wir an die Kante der Nordflanke fuhren, brach Schnee von der Gipfelwechte. Kontrollierte Schwünge brachten uns in sichereres Gelände. Zurück im Camp packten wir unsere Sachen und zogen weiter.
DaKobed war immer noch im Blick. Statt der üblichen Sonnenuntergangsschwünge liefen wir weiter zum „Großen Vater“. Als die Sonne fast schon den Horizont berührte, kamen wir erschöpft an unserem Zeltplatz auf dem White Chuck Glacier an. Für einen Augenblick warf das Licht noch lange Schatten, dann wurde es dunkel. Ich war immer noch müde, als ich am Morgen in meine angefrorenen Stiefel stieg und vor das Zelt trat. Es war unglaublich eisig. Der Schnee glänzte in der Sonne, der Wind wurde stärker. Vom Zelt aus schob ich im Schlittschuhschritt mehr als einen Kilometer über die gefrorene Oberfläche. Im Aufstieg zum Cool Glacier öffnete sich der Blick auf den Tenpeak. Wolken hingen im Tal. Sie drückten nach oben, bald würden sie uns eingeholt haben.
Wir mussten Gas geben. Am Gipfel schepperten unsere Stiefel über das Eis. Von hier konnten wir unseren gesamten Weg der letzten vier Tage sehen. Wir schlitterten irgendwie herunter, die Kanten immer hart im Schnee. Tausend Meter unter dem Gipfel tauchten wir in den Nebel ein, immer noch weit vom Camp entfernt. Wir sahen nur noch Weiß und stolperten wie drei Irre durch die Gegend. Endlich im Camp angekommen, verschwanden wir sofort in unseren Zelten, um nicht auszukühlen. Meinen Lieblingsberg zurück zu lassen, fällt mir nie leicht. Der Fahrtwind schlug uns bei der Abfahrt am letzten Tag ins Gesicht, schnell hatten wir die Schneegrenze erreicht.
Auf dem Weg nahmen wir noch den White Mountain mit, der seinem Namen gerecht wurde, denn das Whiteout des Vortages hielt an. Wir sahen rein gar nichts, bis wir wieder in die nassen Täler kamen. Oben hing noch die dicke Wolke wie die Schaumkrone auf einem frisch gezapften Bier, was mich daran erinnerte, dass in meinem Auto noch ein paar Dosen lagen. Jetzt legte ich erst recht einen Zahn zu. Mein Rücken schmerzte und erinnerte mich an all die Jahre und Gipfel, die ich in den Beinen hatte. „Die allerbesten Ecken kann nur der kennen, der hier bereits viel Zeit verbracht hat“, flüsterte ich. Am Auto angekommen machten wir das Bier auf und stießen an.
Wir hatten dem Star der Gegend einen Besuch abgestattet und wunderbar ruhige Bergschönheiten auf dem Weg über die Painted Traverse bestiegen. Wer schlau ist, nimmt mit, was er bekommen kann. Für die meisten bleiben sie jedoch unerreichbar – diese tollen Berge ganz in der Nähe der Pazifikküste. Wir waren wirklich Glückspilze, und wir wussten es zu schätzen.





Fahrer: Jeff Rich, Rowan Stewart



