USA · Cascade Range (Mount Baker)
The Range of Destiny
Ausgabe 2012 · Text: Dan Kostrzewski · Fotos: Grant Gunderson · 4 min Lesezeit

Die Serpentinen des zweispurigen Mount-Baker-Highways schlängeln sich durch dichten Wald, bevor sie zügig vom tosenden Nooksack River 1.000 Höhenmeter durch alte, moosbedeckte Waldbestände bis zur …
Die Serpentinen des zweispurigen Mount-Baker-Highways schlängeln sich durch dichten Wald, bevor sie zügig vom tosenden Nooksack River 1.000 Höhenmeter durch alte, moosbedeckte Waldbestände bis zur Baumgrenze hinaufziehen. Im Winter ist die Schnellstraße ein schmaler Korridor zwischen Schneewänden, die mit zunehmender Höhe bis auf sechs Meter und mehr anwachsen können. Anders als die sicheren Straßen in die Urlaubsgebiete, wo Schilder nach dem Ortseingang Apartments und Geschäfte bewerben, endet dieser Highway als Sackgasse, und der Cascades-Nationalpark wie das Wildnisgebiet des Mount Baker setzen dem motorisierten Zugang ein abruptes Ende. Genau hier liegt eines der besten mit Lift erreichbaren Sidecountry- und Backcountry-Gebiete Nordamerikas.
Am Mount Baker beginnen und enden alle Geschichten mit dem Schnee. Die glücklichen Skifahrer, die den weltrekordverdächtigen Winter 1998/1999 erlebten, als 30 Meter Schnee vom Himmel fielen, sprechen in fast religiöser Ehrfurcht von der „Mount-Baker-Dreifaltigkeit“ pazifischer Feuchtigkeit, dem Zusammentreffen von Sturmbahnen und der perfekten Topografie für orografischen Auftrieb. Diese Besonderheit hat Auswirkungen: Im letzten März begrub eine extrem große Lawine Hunderte von Backcountry-Pfaden bis zu fünf Meter unter sich, zerstörte einige Waldstriche, hinterließ auf einem halben Kilometer Länge und bis auf 30 Meter Tiefe einen Trümmerhaufen und überrollte einen Teil des Skigebiets.
Die raue, schroffe Welt der Cascades, die auf Bildern so deutlich wird, ist schwer in Worte zu fassen. Entlang der Pazifischen Nordwestküste ragt die Bergkette imposant auf, mit vergletscherten Vulkanen wie Mount Baker und Mount Rainier sowie knorrig-rauen, nicht vulkanischen Massiven wie Mount Shuksan und Mount Stuart. Starke Niederschläge von der Küste peitschen die Berghänge und bringen Meter um Meter Schnee, von November bis April. Schwierige Zufahrten, lange Zugänge, spärliche Ausstattung, dürftige Wege und ungezügelte Abgeschiedenheit geben der Bergkette ihren speziellen Charakter und fordern die Skifahrer und Kletterer aus Seattle und Portland, von wo die Region schnell erreicht ist.
Vier Ski Resorts erstrecken sich über die Cascades, Mount Baker, Stevens Pass Ski Area, Alpental und Crystal Mountain. Mit ihrem steilen, für Freeskiing ausgezeichneten Gelände locken sie Tagesskifahrer. Es gibt zwar wenige Möglichkeiten, am Berg zu übernachten, aber die Parkplätze erlauben das Campen in Autos oder Wohnmobilen. Wenn die Sonne hervorkommt und der Himmel aufklart, bieten diese Skigebiete Zugänge zu wunderbarem freien Gelände, das nicht weit entfernt liegt. Der kontrollierte Zugang in das Backcountry-Gelände des Alpentals, gerade 90 Kilometer von Seattle entfernt, wirkt wie ein bewachter Surfspot mit gefährlichen 30-Meter-Klippen, Wasserfall-Lines und ernsthafter Exposition.
Sobald der Frühling naht und eine tiefe, stabile Schneedecke vorhält, zeigen die Cascades ihre Möglichkeiten fürs Skitourengehen und Skibergsteigen. Vom Nisqually-Gletscher oder der Tatoosh Range nahe dem Paradise-Parkplatz im Mount-Rainier-Nationalpark sind die stark vergletscherten Vulkane die beste Wahl für grandiose Gipfelabfahrten, mehrtägige Gletschertouren oder Tagestouren am Mount Baker, Mount Adams, Mount Hood oder Mount St. Helens. Nach dem Biwak auf den Parkplätzen startet man früh, genießt den Blick auf den Pazifischen Ozean und einige der längsten Steilabfahrten in Amerika, vergleichbar mit jenen in Alaska. Im Gegensatz zu den Vulkanen im Süden sind die Nördlichen Cascades deutlich schroffer.
Mount Shuksan steht mit seinen Hängegletschern, seinem Nordwest-Couloir und seiner ausgeprägten Gipfelpyramide wie ein Wächter über dem abweisenden Gebirge. Ab dem Frühling wird der Highway 20 zum Hauptzugang in die „Amerikanischen Alpen“. Vorbei an den Ausgangspunkten zur Überquerung der Pickets, die bisher nur drei Mal gelang, und zur berühmten „Forbidden Tour“, schlängelt sich die Straße hinauf zum 1.669 Meter hohen Washington Pass. Der höchste befestigte Pass der USA schließt im Winter wegen der hohen Schneelage von bis zu zehn Metern und der ständigen Lawinenabgänge auf 100 bekannten Lawinenrinnen.
Ist der Highway im April wieder offen, wird die Passhöhe zum Startpunkt für drei beliebte Touren: zum 2.705 Meter hohen Silver Star, zur Birthday Tour und zum Klassiker im Liberty-Bell-Massiv. Wo die Wälder am Highway 20 lichter und die klimatischen Verhältnisse trockener werden, liegt der Flecken Mazama in gefälliger Einsamkeit am Anfang des Methow Valley. Der langjährige Heimatort von Steve Barnett, dessen Buch „Cross-Country Downhill“ den Funken der amerikanischen Telemark-Bewegung entzündete, ist auch bekannt als die Berggemeinde, die an ihrem ursprünglichen Charakter festhielt und nicht zum Tummelplatz wie Whistler Village wurde.
Während des Winters bietet der stille Ort 200 Kilometer Langlaufloipen, eine eng verbundene Gemeinschaft von Schlittenfahrern und atemberaubende Freiflächen, die treue Naturschutzhände pflegen. Die auf der Cascades-Westseite liegenden Städte Greenwater, Glacier und North Bend erinnern nur noch ansatzweise an ihre düstere Holzfäller- oder Bergbaugeschichte. Heute sind sie Refugien für wahre „Ski Bums“, die für den nächsten Pulverschneetag leben. Auf der Ostseite hat Leavenworth sein kurioses Dasein als vermeintliches „bayerisches“ Dorf auf Wochenendtourismus mit monatelangen Oktober- und Weihnachtsfesten ausgerichtet.
Wegen seiner leichten Zugänge zu Skitouren im Icicle Creek Canyon leben hier viele der ernsthaftesten Backcountry-Sportler in Washington. Als einzige Siedlung in den Cascades ist es – und damit das Skitourengebiet rund um den Stevens Pass – mit dem Amtrak-Zug zu erreichen. Der Stolz auf die Wildnis mit ihren Berggeschichten und der Respekt gegenüber dem elementaren Skisport machen den Besuch dieser Gemeinden Washingtons für ausländische Besucher zu einer kulturellen Erfahrung. In der spektakulären Umgebung ist Luxus rar, aber das Skifahren sehr ernsthaft.
Vom Norden nach Süden, vulkanisch oder nicht vulkanisch, vom Skifahren abseits der Pisten bis zum Skibergsteigen – die Cascades repräsentieren etwas ganz Spezielles für Skifahrer, die aus härterem Holz geschnitzt sind: schroffes Gelände, stürmisches Wetter und eine Skikultur ohne viel Schnickschnack. Tiefschnee wirst du erleben, wenn du zum Skifahren in die Cascades kommst. Hoffentlich aber lockt dich mehr hierher – der einzigartige Charakter eines Gebirges, das am Rand der Wildnis existiert und bewahrt wird.





Fahrer: Adam Ü, Cody Barnhill, Mattias Evangelista



