USA · Sierra Nevada (Mt. Williamson)
The Sierra Giant
Ausgabe 2017 · Text: Christian Pondella · Fotos: Christian Pondella · 5 min Lesezeit

In der Sierra Nevada in Kalifornien findet man einige der längsten Abfahrten der USA. Einer der beliebtesten Berge mit den begehrtesten Abfahrten ist ohne Zweifel der Mount Whitney mit seinen 4.421 …
In der Sierra Nevada in Kalifornien findet man einige der längsten Abfahrten der USA. Einer der beliebtesten Berge mit den begehrtesten Abfahrten ist ohne Zweifel der Mount Whitney mit seinen 4.421 Metern. Aber es gibt noch andere Gipfel aus der Reihe der sogenannten „14er“ (so genannt wegen ihrer Höhe über 14.000 Fuß / 4.267 Meter), die von den erfahreneren Skitourengehern sehr geschätzt werden. Einer der Stars in der Sierra Nevada ist der Mount Williamson und seine selten mit Ski befahrene Nordseite mit dem Giant Steps Couloir. Der 4.383 Meter hohe Berg ist der einzige in der gesamten Bergkette, der völlig allein steht, in der Wüste des Owens Valley ohne direkte Bergnachbarn.
Bis zum Winter 2017, in dem die größten Schneefälle jemals aufgezeichnet wurden, wurde die Giant Steps Rinne höchstwahrscheinlich nicht mehr als ein Dutzend Mal befahren. Für ideale Bedingungen muss eine überdurchschnittliche Schneedecke vorhanden sein, um überhaupt zum Einstieg zu kommen, denn es gibt weder richtige Wege noch Zufahrtsstraßen. Der Berg liegt inmitten großer Wüstentäler, die in der Regel ziemlich trocken bleiben. Dadurch gestaltet sich der Zustieg äußerst mühsam und man muss sich durchs Gestrüpp kämpfen und viele Bäche überqueren. Für eine ordentliche Abfahrt braucht man ebenfalls viel Schnee, damit die Felsen in der Nordwand bedeckt sind.
Backcountry-Skifahren hat eine lange Geschichte in der Sierra Nevada, aber es gibt weniger Aufzeichnungen als für andere Gebirgsketten in den USA. Zwei der wichtigsten Pioniere waren Norman Clyde und John Muir, und so liest man auf den Landkarten immer wieder ihre Namen. Viele Erstbefahrungen geschahen völlig unbemerkt, und deswegen wurden Gipfel und Regionen nach historischen Figuren benannt, zum Beispiel das Clyde Couloir am Norman Clyde Peak. Viele andere Gipfel haben überhaupt keinen Namen. Dave Braun befuhr 1998 als Erster die Giant Steps. Er benötigte mehrere Versuche, bevor er einen Weg zum Eingang des Couloirs gefunden hatte. Er machte sogar Fotos, um es zu beweisen.
Allerdings ist es möglich, dass in den 1970er oder 80er Jahren irgendjemand unter dem Einfluss von LSD auf 215-er Latten mit Plattenbindung und Lederstiefeln schon einmal heruntergefahren ist, das Ganze aber nie bekannt wurde. Bei den Giant Steps handelt es sich um eine Rinne unterhalb eines eindrucksvollen Felszahns. Sie führt durch die Granitfelsbänder auf der Nordseite des Mount Williamson. In der Rinne befinden sich riesige Absätze, weshalb sie „Giant Steps“ genannt wurde. Es ist Brauns Entschlossenheit zu verdanken, dass er es an den Eingang der Rinne geschafft hatte. Es dauerte Tage, und er musste einige Niederlagen einstecken, am Ende stand er jedoch oben und hatte die Giant Steps zu seinen Füßen.
Heute, mit besseren Ortskenntnissen und deutlich fortgeschrittener Tourenausrüstung, kann man dieses Monster an einem Tag besiegen. In guten Wintern reicht der Schnee bis unten an die Wüste, und dank massiver Lawinenabgänge werden die Schluchten aufgefüllt und das dichte Gestrüpp bedeckt. Wenn man die Route kennt, kann man unten anschnallen, ohne viel Gepäck schnell aufsteigen und nach sechs Stunden am Gipfel stehen. Im Jahr 2005, als die Sierra im Januar und Februar richtig viel Schnee abbekam, konnte ich mit einigen Freunden die Giant Steps fahren. Früher, in den Tagen vor Social Media und Informationsüberfluss, hatten wir nichts weiter als ein Foto, das ein Freund irgendwann aus der Luft von dem Berg geschossen hatte.
Wir wussten, dass wir keine anstrengende Mehrtagestour machen wollten, und beschlossen, auf der Südseite zügig nach oben zu steigen, um dann auf der Nordseite abzufahren. Wir parkten auf der anderen Seite ein zweites Auto und sparten uns dadurch die sechs bis sieben Kilometer Rückmarsch durch die Wüste zu unserem Ausgangspunkt. Typisch für die Sierra waren die Bedingungen ziemlich gemischt. Der letzte Schneesturm hatte eine Schicht schweren nassen Schnees hinterlassen, die alle Büsche und Sträucher bedeckte, was den Zu- und Aufstieg etwas leichter machte. Die Bachüberquerungen wurden ebenfalls viel einfacher, und wir konnten am Ende auf Ski bis zu unserem Truck fahren.
Ich hielt den ganzen Spaß auf einer Rolle Film fest, die es glücklicherweise lebend vom Berg schaffte – ebenso wie ich selbst. Über dem zweiten Felsvorsprung und der steilsten Zone der Rinne riss mir der Kameragurt und das gute Stück rollte unaufhaltsam Richtung Abgrund. Da ich bereits einige wertvolle Fotos gemacht hatte und die Kamera dem Tode geweiht sah, schoss ich wie Superman hinterher. Nach einem ersten Fehlversuch, sie zu greifen, hatte ich noch eine Chance, bevor uns der Platz in der Rinne ausgehen würde. Glücklicherweise war ich im letzten Moment in der Lage, sie zu packen und umgehend abzuschwingen, sonst wäre es für uns beide vorbei gewesen. Später waren einige der Bilder in Skimagazinen zu sehen. Zeitsprung.
Zwölf Jahre später, in der Zeit von Social Media, Webcams, Blogs und Internetforen mit aktuellen Informationen und Echtzeit-Wetterberichten. Die Sierra hatte im Januar Rekordschneefälle verzeichnet, und es hörte auch im Februar nicht auf zu schneien. Dann wurde endlich ein erstes Hochdruckgebiet angekündigt, bereits sechs bis neun Meter Schnee lagen auf dem Boden. Es war an der Zeit, in die Berge zu gehen. Wir wussten, dass wir nicht viel Zeit hatten, bevor andere die ersten Spuren ziehen würden. Die Bedingungen waren auf einem Allzeithoch, mit frischem Powder und wenig Wind, der die Hänge unsicher hätte machen können. Und so stand ich mit vier tollen Freunden an einem Tag im Februar 2017 an der Einfahrt zur Giant Steps.
Der Schnee war episch, so ziemlich das, was man auf Zeitschriftentiteln sieht. Wir hatten den Aufstieg bereits geschafft und sahen nun direkt in die Rinne. Einer nach dem anderen stürzten wir uns hinein, und nach 2.750 Höhenmetern standen wir in der Wüste mit einem kalten Bier in der Hand.





Fahrer: Max Hammer, Jim Morrison, John Morrison, Hilaree O'Neill



