USA · Olympic National Park (Mt. Olympus)
Tour of the Gods
Ausgabe 2018 · Text: Jason Hummel · Fotos: Jason Hummel · 5 min Lesezeit

„Bist du da rauf und dann Ski gefahren?“, fragt mich ein sechsjähriger Junge, als ich nach acht Tagen in den Olympic Mountains zum Parkplatz zurückkomme. Ich nicke, und er erklärt lautstark: „Das …
„Bist du da rauf und dann Ski gefahren?“, fragt mich ein sechsjähriger Junge, als ich nach acht Tagen in den Olympic Mountains zum Parkplatz zurückkomme. Ich nicke, und er erklärt lautstark: „Das mache ich auch!“ Er sieht zu seiner Mutter und sucht nach Bestätigung: „Kann ich?“ Die Mutter antwortet diplomatisch: „Ja, natürlich. Wenn Du erwachsen bist.“ Als er weiterfragen möchte, schiebt sie ihn sachte weiter: „Und jetzt lass die Skifahrer in Ruhe.“ Während der Junge mit seiner Familie im Wald verschwindet, kommen die Erinnerungen an die letzten Tage zurück. Erinnerungen an schweißtreibende Tage mit viel zu schweren Rucksäcken.
Glücklicherweise ist die Erinnerung wie eine Musik-CD, auf der man die schlechteren Songs einfach überspringt und nur die besten anhört. Laut „Gods and Goblins: a field guide to Place Names of Olympic National Park“ stammt der Name Mt. Olympus von John Meares, einem englischen Kapitän, der den Gipfel 1778 vom Deck seines Schiffes aus zum ersten Mal sah. Der Stamm der Quileute nannte die Olympic Mountains „O-Sky“, aber die Bedeutung des Namens ist, wie so vieles aus der indigenen Kultur, mit der Eroberung Amerikas durch den weißen Mann verlorengegangen. Die Erkundung des Mt. Olympus durch Kletterer musste ein weiteres Jahrhundert warten.
Die ersten Gruppen schafften es nicht einmal auf den höchsten Punkt, sondern nur auf einen Vorgipfel, den sie mit dem Hauptgipfel verwechselt hatten. Erst 1907 bestieg ein Team von elf Bergsteigern aus Seattle den höchsten Punkt des Massivs, den West Peak. Sie waren die Ersten. Ein weiteres halbes Jahrhundert verging, bevor Wissenschaftler im Jahr 1957 eine Forschungsstation in der Nähe des Blue Glacier einrichteten. Im Mountaineer's Journal von 1959 steht: „In den Wintermonaten erforderten die starken Schneefälle den Einsatz von Skiern, da monatlich mehrere Expeditionen zum Blue Glacier unternommen wurden, um Vermessungen vorzunehmen.“ Das war das erste Mal, dass auf dem Berg nachweislich Ski gefahren wurde.
Es vergingen wieder Jahrzehnte, bis sich Skifahrer mit sportlichen Absichten dem Gipfel näherten. Die früheste Erwähnung findet sich auf Lowell Skoog's Website zur Skigeschichte, alpenglow.org. Er berichtet darauf von einer Tour entlang des Hoh River im Juli 1979. In den kommenden Jahren wichen Skitourengeher selten von dieser Route ab. Lowell selbst war wahrscheinlich der erste, der eine andere ausprobierte: 1989 stieg er über die Bailey Traverse, ging dann vom Bear Pass über den Humes Glacier und Camp Pan weiter zum Blizzard Pass und stand schließlich auf dem Mt. Olympus. 2011 folgte ich seiner Route über Bailey's, ging dann aber über die Olympus-Traverse, eine Kletterroute aus dem Jahr 1938, auf der man über alle drei Gipfel des Mt.
Olympus kommt, und fuhr vom Ostgipfel ab. Ein Großteil des Geländes auf dieser Route deckte sich mit einer Tour, die ich bereits zwei Jahre zuvor gemacht hatte. Damals, im Frühling 2009, hatte ich sieben Tage lang mein Basislager auf dem Snow Dome eingerichtet und befuhr von dort aus die Nordwand der Athena, die Nordwand des Middle Peak, die Südwestwand des West Peak und die Westwand des Hugin in den Valhallas. In der Zeit zwischen diesen Expeditionen hatte ich darauf verzichtet, den Mt. Olympus auf Skiern zu begehen, aber im Rahmen meines Washington Glacier Ski-Projekts änderte sich das wieder.
So lernte ich bald viel Neues über diesen Berg, zum Beispiel, dass er mit seinen 2.420 Metern nicht gerade ein Riese, aber in den USA die Nummer 26 der prominentesten Gipfel ist. Noch überraschender ist die Tatsache, dass er außerhalb von Alaska der drittgrößte vergletscherte Gipfel neben Mt. Rainier und Baker ist. Für mich war das wichtig, weil ich mir für mein Gletscherprojekt, dass ich im Jahr 2020 beendet haben will, 20 neue Gletscher pro Jahr als Ziel gesetzt habe. Da auf meiner Liste rund 250 Gletscher stehen, gehen mir langsam die Orte aus, an denen ich mehr als nur ein paar Gletscher pro Expedition abhaken könnte. Der Olympus ist jedoch eine Ausnahme. So waren nach meinen bisherigen Touren dort noch sechs Gletscher übrig!
Bei näherer Betrachtung entdeckte ich, dass es nicht einfach sein würde, alle sechs auf einmal zu schaffen. Schwieriges Terrain, große Bergschrunde und die generellen Bedingungen waren nur die offensichtlichen Schwierigkeiten. Das Wetter war und ist der ausschlaggebendste Faktor. Jährlich fallen hier über 500 Zentimeter Niederschlag, das meiste davon als Schnee. Würde man einmal richtig nachmessen, bin ich mir sicher, dass die Olympic Mountains das schneereichste Gebirge der Erde wären. Da aber an den Umständen nichts zu ändern war, erklärte ich es zu meinem Ziel, alle sechs Gletscher abzuhaken, die ausnahmslos in den Randbereichen des Gebirges zwischen steilen Überhängen und Eisbrüchen, Wasserfällen und Regenwald liegen.
Mein Plan beinhaltete, zum am weitesten entfernten Punkt zu steigen und die Hänge auf der Rückseite zu befahren. Tatsächlich schafften Carl Simpson, Jake Chartier und ich genau das in den folgenden acht Tagen – zwei Erstbefahrungen am Mercury Peak und der Athena II sowie die allererste Umrundung des Mt. Olympus. Am allerwichtigsten aber war, dass ich wie geplant alle sechs Gletscher schaffte: Black, White, Ice River, Jeffers, University und Hubert. Dazwischen fuhren wir mehr Linien in den Olympic Mountains als irgendjemand vor uns. Der Kreis schloss sich nach den 35 Kilometern Rückweg, die wir zu unseren Autos laufen mussten – schmutzig und erschöpft von 3.000-Höhenmeter-Tagen, an denen wir vor Sonnenaufgang losstiegen und erst nach Sonnenuntergang zurückkamen.
Erleichtert ließen wir die Rucksäcke auf den Boden fallen. Ihr erinnert Euch an den Jungen vom Beginn der Geschichte, der wissen wollte, ob er eines Tages auch die Olympics befahren würde? Stillschweigend hoffe ich, dass er es tatsächlich machen wird, dass er in unsere Fußstapfen tritt und irgendwann seine eigenen Routen durch dieses zerklüftete Gebirge findet.





Fahrer: Jake Chartier, Carl Simpson



