USA · Chugach Mountains (Alaska)
Tunnel Vision
Ausgabe 2026 · Text: Christoph Johann · Fotos: Christoph Johann · 3 min Lesezeit

Diese Geschichte beginnt wie jeder andere Trip nach Alaska. Ich bin professioneller Backcountry-Skifotograf, immer auf der Jagd nach perfekten Spines, fluffigem Powder und sauberen Linien in den spektakulärsten Bergen der Welt. Diesmal bin ich mit meinem guten Freund Simon Hillis hier. Wir wurden …
Diese Geschichte beginnt wie jeder andere Trip nach Alaska. Ich bin professioneller Backcountry-Skifotograf, immer auf der Jagd nach perfekten Spines, fluffigem Powder und sauberen Linien in den spektakulärsten Bergen der Welt. Diesmal bin ich mit meinem guten Freund Simon Hillis hier. Wir wurden erneut eingeladen – an einen Ort, der längst mehr ist als ein Reiseziel. Letzte Saison verbrachten wir hier zwei unvergessliche Wochen und dokumentierten einige der besten Abfahrten, die wir je erlebt hatten. Wir reisten mit Bildern ab, die auf elf Magazincovern landeten, und dem Gefühl, dass Alaska neue Maßstäbe gesetzt hatte. Als sich die Chance zur Rückkehr bot, mussten wir nicht überlegen.
Beim Packen sahen wir bereits die steilen Flanken vor uns, zu denen wir zurückkehren wollten. Die Formel war einfach. Zurückkommen, guten Schnee finden und etwas noch Besseres schaffen. Wir glaubten zu wissen, wie dieser Trip aussehen würde. Wir hätten nicht falscher liegen können.
Wir kommen an einem stürmischen Samstag in Cordova an. Heftiger Regen, dichter Nebel. Das Meer ist zerhackt von endlosen Tropfen. Nicht das Alaska, das man beim Gedanken ans Skifahren vor Augen hat, aber dennoch wunderschön. Cordova ist ein ruhiger Fischerort. Die Lodge von Points North Heli Adventures liegt direkt am Meer. Abgelegen, still, vertraut. Down Days sind hier nicht das Schlimmste. Wir finden unseren Rhythmus. Tischtennis. Kaffee. Sauna. Sprünge ins Meer. Lange Abendessen. Geschichten vom letzten Jahr. Schlafen. Aufwachen. Wetterbericht checken. Wieder von vorne. Nur die Vorhersage ändert sich nie. Regen. Nebel. Sturm. Dann ein kleines Fenster. Ein paar Stunden vielleicht. Wir kehren in das Terrain zurück, für das wir gekommen sind.
Steile Flanken tauchen aus dem Weiß auf. Für einen Moment stimmt alles. Doch die Schneedecke ist fragil. Hohe Lawinengefahr. Um uns herum gehen Lawinen ab. Der Spielraum wird eng. Nach vier Stunden fällt die Entscheidung. Abbruch.
Tage vergehen, an denen wir dem Regen zusehen und die Berge unerreichbar bleiben. Der Frust wächst. Eines Nachmittags scrollen wir durch die letztjährigen Bilder. Perfekter Powder. Bluebird. Dann bleiben wir bei einer fast vergessenen Serie vom Sheridan Glacier hängen. Kein Druck. Keine Erwartungen. Wir sehen uns an. Vielleicht haben wir die ganze Zeit in die falsche Richtung geschaut. Tags darauf fahren wir eine halbe Stunde aus Cordova hinaus. Regen trommelt gegen die Windschutzscheibe, Nebel zieht durchs Tal. Nach einer kurzen Wanderung stehen wir am Gletscher. Geborstenes Eis in tiefen Blautönen. Risse, Falten, Strukturen, über Jahrhunderte geformt. Wir verbringen den Tag mit Scouting. Kein Druck mehr. Nur Neugier. Als wir zur Lodge zurückkehren, haben wir einen Plan.
Am nächsten Morgen hat sich nichts verändert – außer unserer Perspektive. Wir hören auf, Linien zu jagen. Der Gletscher gibt sich langsam preis. Eistunnel. Schmale Korridore. Tiefblaue Kammern, die von innen leuchten. Dann finden wir ihn. Einen riesigen Eisberg mit einem perfekt runden Loch. Simon lacht. Klettert mit dem Eisgerät hinauf und springt geradewegs hin- durch. Schweigend schauen wir aufs Kameradisplay. Das Bild ist anders als alles, was wir je geschaffen haben. In diesem Moment ändert sich alles. Wir fragen nicht mehr, was wir fotografieren wollten, sondern was möglich ist.
Stundenlang streifen wir ohne Plan umher. Hinter jeder Ecke wartet etwas Neues. Wände. Höhlen. Tunnel. Der Gletscher öffnet sich immer weiter. Wir folgen unserem Instinkt, wie Kinder auf Entdeckungstour. Ich denke nicht mehr über das perfekte Bild nach, sondern reagiere auf das, was vor mir liegt. Simon bewegt sich souverän, im Einklang mit dem Terrain. Dann entdecken wir tief im Gletscher eine Eishöhle. Blaues Eis umgibt uns. Über uns fällt eine steile Öffnung wie ein gefrorener Trichter in die Höhle.
Simon klettert in Position. Er fährt hinein, setzt einen Jump Turn – und ich drücke ab. Ich weiß es sofort. Das Bild sieht nach etwas völlig anderem als Skifahren aus. Wir waren nach Alaska gekommen und hatten perfekten Powder erwartet. Stattdessen zwangen uns die Stürme, diese Vorstellung loszulassen. Das Wetter war nie das eigentliche Hindernis. Es waren unsere Erwartungen. Tunnelblick.
Als wir aufhörten, die Vergangenheit wiederholen zu wollen, sahen wir endlich, was vor uns lag. Der Gletscher gab uns nicht, wofür wir gekommen waren. Er gab uns etwas Besseres: unerwartet, unplanbar und anders als alles, was wir je zuvor gesehen hatten.




Fahrer: Simon Hillis



