Italien · Monte Rosa Range / Aostatal
Unforgettable Christmas on the Road
Ausgabe 2014 · Text: Dirk Wagener · Fotos: Dirk Wagener · 4 min Lesezeit

Im Winter bin ich ein echtes Weichei. Ich friere trotz Merino-Unterwäsche und Daunenjacke, kann mir Skifahren ohne die heiße Dusche danach kaum vorstellen, schlafe bei geschlossenen Fenstern, und es …
Im Winter bin ich ein echtes Weichei. Ich friere trotz Merino-Unterwäsche und Daunenjacke, kann mir Skifahren ohne die heiße Dusche danach kaum vorstellen, schlafe bei geschlossenen Fenstern, und es wäre mir noch nicht mal peinlich, elektrisch beheizte Skihandschuhe zu tragen. Warum ausgerechnet eine Frostbeule wie ich jedes Jahr zum Weihnachtstermin zusammen mit Freunden im Wohnmobil zum Freeride-Road-Trip in die Alpen aufbricht, mag unerklärlich erscheinen. Denn so ein Mutterschiff bietet nur wenig Isolation gegen klirrende Winterkälte und beim allmorgendlichen Aufwachen im klammen Schlafsack beneidet man alle wohlig-warm schlafenden Hotelgäste.
Trotzdem, mit dem Wohnmobil zum Freeriden durchzustarten, hat einen entscheidenden Vorteil: Bei der Suche nach Neuschnee ist man maximal flexibel. Werkzeug unserer schneesportlichen Gral-Suche war mal wieder ein fast sieben Meter langes Gefährt, das neben uns drei Freeride-Oldies auch über 600 Kilogramm Gepäck aufnehmen konnte. Der Marketing-Claim des Herstellers – „Ein Freund der Familie“ – hinten auf dem Heck half vielleicht, die schnelle Flucht aus dem Kreis unserer Lieben nach Bescherung und Weihnachtsgans etwas abzumildern. Wir fühlten uns wie Brummi-Fahrer: über alle Dinge erhaben, frei und abenteuerlustig und mit einer Unmenge Bier, Spirituosen und anderem Proviant im Wohnmobil-Bauch.
14 Tage hatten wir Zeit, um interessante Bergregionen und Neuschnee zu suchen. Die grobe Zielregion stand nach dem Studium einschlägiger Wetter-Websites fest: Italien, wo Genuatiefs und Südstaus unsere Tour mit einem Paukenschlag beginnen ließen. Die ergiebigsten Niederschläge sollten vom Monte-Rosa-Massiv über Madesimo und Livigno bis nach Südtirol reichen. Somit war klar, in welcher Reihenfolge wir unser Mutterschiff wohin steuern würden. Vom 25. auf 26. Dezember 2013 übernachteten wir bei Dauerregen auf einem Trucker-Parkplatz bei Martigny und fuhren dann direkt ins Schnee-Chaos. Am Eingang des Aostatals verließen wir die Autobahn und kurvten bergauf, 44 steile Kilometer bis nach Gressoney-La-Trinité.
Nach wenigen hundert Höhenmetern verwandelten sich die dicken Regentropfen in einen undurchdringlichen Flockenvorhang und kleisterten den Asphalt in pappiges Weiß. Vorbei an gestrandeten italienischen Kleinwagen und mehreren hilflosen Schneefräsen bewältigten wir mit aufgezogenen Ketten und viel Mühe die Hälfte der Wegstrecke. Vom Himmel rieselten die Kristalle, als würde ein Hurrikan durch eine Daunenfabrik fegen. Dann stauten sich dutzende Autos kreuz und quer vor einem alten Walser-Ort. Die Polizei ließ nur noch Einheimische passieren. Würden wir den morgigen Fünf-Sterne-Powdertag sinnlos hier absitzen müssen?
Stur blieben wir bis zur Polizeisperre in der Schlange und hatten unsagbares Glück: Der verantwortliche Carabinieri ließ sich von der Dorfschönheit in einem heranschlitternden Fiat Punto ablenken und winkte unsere rollende Freeride-Festung durch. Mit viel Glück und einem gefühlvollen Gasfuß schafften wir es nach Gressoney-Saint-Jean. Die Weiterfahrt zum Skigebiet bei Stafal verhinderte eine weitere Straßensperre, eine rot-weiße Holzschranke, die wegen drohender Lawinen geschlossen blieb. Frustriert gruben wir auf dem Gemeindeparkplatz eine Parkbucht frei, heizten ordentlich ein und aßen eine Suppe, die wir mit Schnaps hinunterspülten, bevor wir in die Kojen sanken. Draußen türmte sich der Schnee auf dem Dach unserer mobilen Behausung.
Ohne viel Hoffnung blinzelten wir am nächsten Morgen aus dem Seitenfenster. Kaum zu glauben, die Sonne strahlte von einem astralblauen Winterhimmel und die Landschaft war mit dicken weißen Polstern überzogen. Und die Schranke Richtung Skigebiet stand offen! Etwa anderthalb Stunden später standen wir auf unseren breitesten Planken mehr als knietief im fetten Powder der Monte Rosa. Am Colle Bettaforca und oberhalb von Gabiet fanden wir zahlreiche Linien in tief verschneitem Lärchenwald-Terrain. Wir hatten keinerlei Freeride-Konkurrenz, aber Respekt vor der bis zu 80 Zentimeter mächtigen Neuschneedecke. Vorsichtig tasteten wir uns an immer steilere Abfahrten heran und schwelgten im fluffigsten X-mas-Powder.
Später wechselten wir auf die östliche Talseite, wo sich die schnelle Abfahrt zum Gelände-Check über die eigentlich rote Piste als zeitraubende Fehlentscheidung entpuppte. Die Neuschneedecke war so hoch, dass wir selbst mit Doppelstockschub in der Direttissima kaum vorankamen. Wir flüchteten ins steilere Terrain der umliegenden Lärchenwälder. Die tiefer gelegenen Hänge brachten uns an diesem kritischen ersten Tag maximalen Spaß. Und am Abend waren wir so platt, dass wir kaum mehr die Zahnpasta aus der Tube quetschen konnten. Sonnig und kalt waren auch die nächsten beiden Tage. Das vom Skigebiet erreichbare Gelände war schnell zerfahren.
Wir zogen die Felle auf, starteten zur südlichen Schulter des Stolemberg (3.202 Meter) und von dort hinab in ein Couloir zum Einstieg ins Balma-Valley. Zusammen mit ein paar kleineren Schneebrettern im ersten steilen Teil rauschten wir in das unberührte Tal – knapp 2.000 Meter Höhenmeter in fast hüfttiefem Powder. Dieser Run bleibt unvergesslich. Nach ebenso unvergesslichem Pastagenuss im Rifugio Pastore fuhren wir durch Lärchen, die unter der Schneelast ächzten, und über eine schneebedecke Zubringerstraße nach Alagna ab. Vom Passo Salati steigen wir zum Passo Zube (2.874 Meter) auf – mit anschließender überwältigender Abfahrt durchs Valle d’Olen.
Der vierte sonnige Tag fand uns auf der Punta Indren auf 3.275 Meter, unterwegs zum Y-Couloir in Richtung des Rifugio Quintino Sella oder ins „Salsa Valley“. Dann schlug das nächste Genua-Tief zu, wieder mit bis zu einem Meter Neuschnee. Wir wechselten nach Madesimo und Livigno und hatten noch einmal Glück: Dem Starkschneefall folgten erneut Schönwetterfenster. Mobilität für den Top Spot ist eben unverzichtbar. Und nur im Wohnmobil gelingt die weihnachtliche Powder-Punktladung besser als jede Weihnachtsgans im Backofen. Alle Jahre wieder...





Fahrer: Giuliano Bordoni, Akki Bruchhausen, Kilian Kimmeskamp



