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Italien · Ortler-Alpen (Obervinschgau)

Upper Vinschgau Revisited

Ausgabe 2026 · Text: Hanna Hörmann · Fotos: Thomas Herdieckerhoff · 3 min Lesezeit

Upper Vinschgau Revisited

Bislang sind Thomas und ich auf dem Weg zu den klassischen Frühjahrsskitouren im Ortlergebiet meist nur im Obervinschgau vorbeigekommen. Zeit also, die Region endlich richtig kennenzulernen. Gemeinsam mit zwei Freunden entdeckten wir zwischen den Ötztaler Alpen und der Sesvennagruppe ein …

Bislang sind Thomas und ich auf dem Weg zu den klassischen Frühjahrsskitouren im Ortlergebiet meist nur im Obervinschgau vorbeigekommen. Zeit also, die Region endlich richtig kennenzulernen. Gemeinsam mit zwei Freunden entdeckten wir zwischen den Ötztaler Alpen und der Sesvennagruppe ein vielseitiges Skitourengebiet. Hohe Ausgangspunkte machen dort viele Touren in schneearmen Wintern möglich und große Skigebiete sucht man vergeblich. Dazu kommen Südtiroler Gastfreundschaft und eine hervorragende Küche. Für vier Tage wurde der Langtaufererhof unsere Basis. Mal mit Bergführer, mal auf eigene Faust wählten wir täglich die passende Tour für Wetter und Verhältnisse.

Am Anreisetag entschieden wir uns für eine Tour direkt ab der Unterkunft: die Mitterlochspitze (3.176 Meter) über die Masebenalm. Genau richtig, um als Gruppe zusammenzufinden. Wir kannten uns zwar bereits, doch die Konstellation war neu. Und die Freude war groß: endlich Schnee! Der Himmel war leicht bedeckt, die Sicht jedoch ausreichend. Nach der Masebenalm, die wir auf einem Forstweg erreichten, folgte ein kurzes Stück entlang eines Tellerlifts, danach ging es ins freie Gelände. Kurz unterhalb des Gipfels machten wir Skidepot, die letzten Meter führten über einen einfachen Grat zu Fuß hinauf. Oben erwartete uns ein kunstvoll gestaltetes Gipfelkreuz – ein Ort für eine ausgedehnte Pause, bevor sich die Wolken endgültig verdichteten.

Als wir zur Unterkunft abfuhren, war daraus ein komplettes White-Out geworden, und wir mussten uns im oberen Teil der Strecke nach unserem Track auf der Uhr orientieren. Zum Glück wurde es in Talnähe wieder besser; wir hatten sogar etwas Pulverschnee und gelangten sicher zurück ins Basecamp.

Am nächsten Tag präsentierte sich das Obervinschgau unter blauem Himmel. Erneut war uns der Luxus gegönnt, direkt vor der Haustür zu starten. Unser Ziel: der Glockhauser (3.004 Meter). Diesmal begleitete uns ein lokaler Bergführer. Auch wenn wir selbst erfahrene Tourengeher sind, schätzen wir die Kenntnisse eines Guides. Wer den Winter über in der Region unterwegs ist, kennt nicht nur die Schneedecke, sondern auch die kleinen, oft entscheidenden Details im Gelände und weiß, wo sich der beste Schnee versteckt. Der Aufstieg führte über ideale Skihänge. Immer wieder öffnete sich der Blick über das Langtauferer Tal. Wolken zogen durch, gaben die Sicht frei und schlossen sich wieder – ein ständiges Wechselspiel.

Nach einigen Pulverschwüngen gönnten wir uns eine Saunasession. Inzwischen hatte Schneefall eingesetzt und wir nutzten den Neuschnee auf der Terrasse, um uns nach dem Saunagang darin zu wälzen. Wir hatten schon schlechtere Dienstage in unserem Leben erlebt.

Der dritte Tag stellte uns vor eine Herausforderung: Über Nacht hatte es kräftig geschneit und der Wind nahm zu. Also fiel unsere Wahl auf den Inneren Nockenkopf (2.772 Meter) im Rojental – technisch kein schwieriger Gipfel, etwas niedriger und durch seine Lage meist gut vor dem Wind geschützt. Ob unsere Rechnung aufging? Optimistisch zogen wir los. Am Gipfelhang steckten wir dann doch tief in den Hardshells, die Kapuzen bis ins Gesicht gezogen. Da eine Unterhaltung kaum möglich war, wurde es ein sehr meditativer Aufstieg. Gleichzeitig wurden wir mit einem besonderen Lichtspiel beschenkt: wir waren allein, Schneekristalle glitzerten im diffusen Licht, die Landschaft war tief verschneit, die Wolken rissen immer wieder auf und verdeckten kurz darauf erneut die Sonne.

„Landschaftlich einwandfrei“, kam mir immer wieder in den Sinn – ein Satz, den mein Vater und seine Skitourenfreunde oft benutzen. Ich musste schmunzeln. Es war eine dieser Touren, die lange in Erinnerung bleiben, obwohl der Gipfel selbst nicht besonders spektakulär ist.

Zum Abschluss unserer Reise wartete mit der Pleresspitze (3.188 Meter) die längste und höchste Tour auf uns. Bei strahlendem Sonnenschein starteten wir von den Grieshöfen im Matscher Tal und stiegen gleichmäßig durch das weitläufige Gelände auf. Der Gipfelaufbau verlangte noch einmal Konzentration: Ab dem Skidepot ging es über einen luftigen Grat bis zum Gipfel – ein paar Kraxelmeter inklusive. Oben angekommen lag das Panorama der umliegenden Berge vor uns, allen voran die imposante Weißkugel. Ein würdiger Abschluss.

Nach vier Tagen im Obervinschgau war eines klar: Wir hatten gerade erst an der Oberfläche gekratzt. Zwei Touren begannen direkt vor unserer Unterkunft, drei Täler zeigten ihren ganz eigenen Charakter, und jeder Gipfel weckte in uns die Lust auf den nächsten. Manchmal findet man die besten Skitouren nicht auf den berühmten Klassikern – sondern gleich dahinter.

Kahles Lärchenbäumchen ragt aus dem Schnee, Nahaufnahme
© Thomas Herdieckerhoff
Zwei Skitourengeher im Aufstieg bei Schneetreiben und diffusem Licht
© Thomas Herdieckerhoff
Skitourengruppe steigt in einer Reihe einen weiten Hang im Obervinschgau auf
© Thomas Herdieckerhoff
Skifahrer im Gegenlicht auf einem weiten Hang mit Abfahrtsspur
© Thomas Herdieckerhoff

Fahrer: Peter Reinstadler, Markus Herdieckerhoff, Hanna Hörmann, Natascha Seiferling

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