USA · Sierra Nevada (Mammoth Lakes)
Was it a Dream
Ausgabe 2023 · Text: Zak Mills · Fotos: Christian Pondella · 3 min Lesezeit

Wieder einmal reißt mich der Wecker um 4 Uhr morgens aus dem Schlaf. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ausgeschlafen habe. Aber der Schnee ist butterweich, der Wind ruhig und die …
Wieder einmal reißt mich der Wecker um 4 Uhr morgens aus dem Schlaf. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ausgeschlafen habe. Aber der Schnee ist butterweich, der Wind ruhig und die späte Januarsonne bietet ein kurzes, aber magisches Zeitfenster, um Spaß zu haben. Ich muss raus. Seit fast zwei Monaten schneit es ununterbrochen. 60 Zentimeter, 1 Meter, 3 Meter, 30 Zentimeter – ich verliere den Überblick über die Zyklen in einem Wirrwarr aus Tiefschneeschwüngen und Aufstiegen. Skifahren in Kalifornien scheint nach dem Prinzip Zuckerbrot und Peitsche zu funktionieren. Dieses Jahr tendiert zum Zuckerbrot. Nach zwei Dürreperioden in Folge scheint es zu schön, um wahr zu sein, und wir ersticken fast im Powder.
Die Sierra Nevada erstreckt sich über fast 650 Kilometer von der Nordseite des Lake Tahoe bis zur Südspitze des Gebirges bei Tehachapi. Dort stürzen über 4.000 Meter hohe Gipfel 3.000 Meter tief in das Owens Valley hinab. Weiter nördlich bietet das Gebiet um Tahoe fantastisches Terrain und die beste Schneequalität. Im südlichen Teil der Gebirgskette sind Wind und Sonne normalerweise ungesund für die Schneedecke, und oft gibt es dort Wochen oder Monate keinen Schneefall. In einem Jahr wie diesem scheinen die Möglichkeiten zum Skifahren jedoch schier unbegrenzt. Egal, wie viele Tage man fährt oder wie fit man ist, man wird nie alles schaffen.
Aber wir versuchen es trotzdem und nehmen in Kauf, dass für den nächsten epischen Winter einiges übrig bleiben wird. Das Schnurren der Standheizung lockt mich aus dem Bett, um mich fertig zu machen. Ich packe zum gefühlt tausendsten Mal meinen Rucksack. Mein Van ist irgendwo in der Wüste geparkt, neben meinem Freund und Skipartner John Morrison. Meine 12 Jahre Skifahren in der Sierra verblassen im Vergleich zu Johns mehr als 40 Jahren. Ich bin überwältigt von Dankbarkeit, einen so starken Tourenpartner zu haben, mit dem ich mir Vision und Motivation teile. In der Dunkelheit fahren wir den Canyon hinauf. Hohe Schneebänke säumen die Straße.
Die Schneepflüge sind überfordert, und wir sind gezwungen, einige Kilometer vom normalen Parkplatz entfernt anzuhalten. Schließlich fellen wir auf und spuren abwechselnd nach oben, versuchen im Dunkeln mit der Stirnlampe unseren Weg durch den kniehohen, manchmal hüfthohen Schnee zu finden und warten auf den Sonnenaufgang. Wir haben eine Abfahrt gewählt, die bis nachmittags im Schatten liegt, und haben es daher nicht eilig. Mit den Brettern auf dem Rücken steigen wir über einen Grat in die von uns gewählte Rinne und blicken fast 3.000 Höhenmeter ins Tal hinunter. Schließlich tauchen wir in die uns umgebende Natur ein und tauschen die hart erarbeiteten Höhenmeter glücklich gegen einen Schwung nach dem anderen ein.
Im Laufe der Woche steigen wir viele hundert Höhenmeter im Tiefschnee auf, stehen auf atemberaubenden Gipfeln und befahren viele einsame Hänge. Kein Tag fühlt sich für sich genommen sonderlich anstrengend an, doch am Ende unseres Ausflugs setzt die Müdigkeit ein. Schließlich ändert sich das Wetter, was einen Ruhetag rechtfertigt. Eine Saison, die mit mehr als 23 Metern Schnee gesegnet ist, bleibt nicht ohne Herausforderungen. Die Stadt Mammoth Lakes befand sich während eines Großteils des Winters im Ausnahmezustand. Eingestürzte Dächer, unsichere Bedingungen, fehlende Lebensmittel und die nicht enden wollende Schneeräumung prägten den Winter ebenso wie das Skifahren.
Für viele wird der Winter 2023 als ein Jahr der Naturkatastrophen in Erinnerung bleiben. Die Hausbesitzer hatten alle Hände voll zu tun, mit dem Schneeräumen hinterherzukommen. Die Geschäftsleute hatten Mühe, ihre Läden während den Schneestürmen offen zu halten. Und alle gemeinsam hatten mit den vielen Straßensperrungen zu kämpfen. Manchmal hatte man das Gefühl, dass der Schneefall und die damit verbundenen Probleme niemals enden würden. Trotz aller Widrigkeiten weiß ich, dass ich nicht der Einzige bin, der sich wünscht, all das würde sich bald noch einmal wiederholen. Und dann frage ich mich: Ist es wirklich so passiert, wie ich es in Erinnerung habe? Oder war alles nur ein Traum?





Fahrer: Jessica Lisagor, Zak Mills, John Morrison, Bernie Rosow



