BACKLINE Magazin
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Schweiz · Livigno-Alpen (Val da Camp / Puschlav)

Welcome to the Other Side

Ausgabe 2026 · Text: Christian Penning · Fotos: Christian Penning · 3 min Lesezeit

Welcome to the Other Side

Kaum einer hat es auf dem Radar – dabei wartet in einem Seitental hinter dem Schweizer Berninapass einer der vielseitigsten Touren-Spots der Alpen. Endlose Hänge, feine Linien, kein Rummel. Und mittendrin ein Basislager mit grandiosen Pizzoccheri.

Kaum einer hat es auf dem Radar – dabei wartet in einem Seitental hinter dem Schweizer Berninapass einer der vielseitigsten Touren-Spots der Alpen. Endlose Hänge, feine Linien, kein Rummel. Und mittendrin ein Basislager mit grandiosen Pizzoccheri.

„Fett …!“ Mehr als dieses eine Wort muss Luggi gar nicht sagen. Den Rest erzählt die weite Berglandschaft um ihn herum. Eine stille Geschichte über eine einsame Ecke der Alpen, die an Zeiten erinnert, lange bevor das Wort „Overtourism“ überhaupt existierte. Luggis Augen blitzen. Er zieht die Steigfelle ab, nickt. „Ready für den ersten Powder-Run.“ Weite Schwünge lassen glitzernde Schneekristalle um ihn herum aufwirbeln. Ein paar hundert Höhenmeter tiefer schwingt er ab. Mit einem Grinsen, so breit wie das Plateau, auf dem er stoppt. Luggi ahnt: Drei Tourentage werden nicht reichen, um das Potenzial dieses Gebiets in den Livigno-Alpen auch nur anzukratzen. Um ihn herum eröffnen sich unzählige Möglichkeiten.

Piz Ursera, Piz Paradisin, Corn da Camp, Piz Cunfin, Motal, Piz dal Teo … Die Namen der Gipfel klingen längst nicht so prominent wie die Klassiker Piz Palü und Piz Bernina westlich des Berninapasses. Doch gerade unterschätzte Underdogs sorgen oft für die größten Überraschungen.

Die beginnen am Vorabend wie ein Wintermärchen. Dicke Flocken fallen vom Himmel, der Neuschnee dämpft jeden Ton. Nach einer Stunde öffnet sich im Wald eine Lichtung. Fenster leuchten warm in der Dunkelheit: das Rifugio Saoseo. Wenig später serviert Gigi dampfende Suppe. Vor mehr als 90 Jahren hieß die Hütte noch „Casa Lugacqua“, eine Alp auf knapp 2.000 Metern mit 18 Kühen. Heute gehört sie dem Schweizer Alpen Club. Das perfekte Basislager für Touren ins Backcountry zwischen Bormio und Livigno. Gleich hinter dem Berg liegen das mondäne St. Moritz und das schicke Pontresina. Doch die Welt südlich des Berninapasses ist eine andere als nördlich im Oberengadin – ruhiger, bescheidener. Nachhaltigkeit und sanfter Tourismus stehen im Val Poschiavo im Fokus.

„Alles lokale Zutaten“, sagt Gigi, als er am nächsten Tag nach der Tour zum Piz Ursera auf der Terrasse vor der Hütte eine riesige Pfanne Puschlaver Pizzoccheri mit Käse, Kartoffeln und Gemüse auf den Tisch stellt. Die perfekte Kohlenhydrat-Ladung. Denn Luggi und Florian ziehen nachmittags gleich noch einmal los. Obwohl der letzte Schneefall bereits einige Tage zurückliegt, hält sich im lichten Lärchenwald unter der Punta dal Dügüral hüfttiefer Powder.

Das Waldgebiet östlich und südlich des Rifugio bietet sich auch für White-Out-Tage im sonst baumund bei Schlechtwetter konturlosen hochalpinen Gelände an.

Hütte und Tal liegen noch im Schatten, als Florian und Luggi am nächsten Morgen zum Piz Cunfin (2904 Meter) aufbrechen. Ein eisiger Wind fegt oberhalb der Waldgrenze über die weiten Hänge. Für den Nachmittag sind Schnee und Nebel angekündigt. Mächtige Lawinenkegel an nordund ostseitigen Flanken erinnern an eine Geschichte, die Gigi am Vorabend erzählt hat: Trotz extremer Lawinengefahr und seiner Warnung war eine Vierergruppe Freeskier am Piz Mürasciola bis über die Waldgrenze aufgestiegen, hatte dort einen Kicker gebaut und Fotos gemacht.

„Als sie zurückkamen, hab‘ ich sie verbal an den Ohren gezogen. Keine gute Idee!“ Genau in diesem Moment donnerte der Hang samt Kicker als Lawine ins Tal.

Auf der Hochebene Plan da la Genzana schickt die Sonne ihre ersten Strahlen über den Grat. Der Wind stoppt, die eingefrorenen Gesichtszüge entspannen sich. Gegenüber ziehen wilde Rinnen die Nordflanken des Corno di Dosse (3232 Meter) hinab. Für ein Steep-Ski-Abenteuer ist die Lawinengefahr dort jedoch noch zu hoch. Südseitig hat sich der Neuschnee gut gesetzt. „Perfekter Firn“, meint Luggi nach einem Schneecheck am Gipfel des Piz Cunfin. Wie auf einem Samtteppich geht es die steile Südflanke hinab.

„Puh, knackig!“, schnauft Flo am nächsten Tag beim Aufstieg zum Piz Paradisin (3303 Meter). Nach einem gemütlichen Start wartet anspruchsvolles Spitzkehrentraining im brüchigen Schnee. Auch wenn der Gipfel lockt, verzichten Florian und Luggi auf die finale Kletterei am Südgrat. So bleibt mehr Zeit für die Südostrinne unter dem Nachbargipfel La Pala.

Ab dem Einstieg ins Couloir warten 1.000 Tiefenmeter feiner Firn hinab zum Lagh da Saoseo. Weit und breit ist keine Spur zu sehen – wie auf vielen Routen rund um das Rifugio Saoseo. „Es gibt noch so viel zu tun“, meint Luggi mit Wehmut in der Stimme, als seine Ski ein letztes Mal den Firn aufspritzen lassen.

Zwei Skitourengeher mit Stirnlampen vor einer Berghütte in der Dämmerung
© Christian Penning
Skitourengeher steigt zwischen flechtenbewachsenen Felsen vor vergletschertem Gipfel auf
© Christian Penning
Skifahrer in gelber Jacke zieht einen Pulverschneeschwung in sonnigem Gelände
© Christian Penning
Skifahrer in gelber Jacke im Pulverschnee unter steilen verschneiten Felswänden
© Christian Penning

Fahrer: Luggi Deng, Flo Dittert

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