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Deutschland · Allgäuer Alpen (Bockkarscharte)

Allgaeu Rocks

Ausgabe 2015 · Text: Florian Eigler · Fotos: Martin Fiala · 4 min Lesezeit

Allgaeu Rocks

Allgäu – hier bin ich aufgewachsen. Genauer gesagt in Pfronten. Da bin ich daheim, hier kenne ich mich aus. Dachte ich! Bereits im Alter von zwei Jahren wurde ich von meinem Vater auf die Bretter …

Allgäu – hier bin ich aufgewachsen. Genauer gesagt in Pfronten. Da bin ich daheim, hier kenne ich mich aus. Dachte ich! Bereits im Alter von zwei Jahren wurde ich von meinem Vater auf die Bretter gestellt. Seitdem bin ich infiziert. Schon als Kind liebte ich es, in den Wäldern und neben den Pisten zu fahren. Meine Freunde und ich bauten regelmäßig Sprungschanzen in den Tiefschnee. Später als alpiner Rennläufer gab es kaum Zeit für Pulverschneefreuden. Erst als ich im Alter von 19 Jahren zum Skicross wechselte, entdeckte ich das Skitourengehen für mich, und meine Leidenschaft, abseits der Pisten zu fahren, lebte wieder auf.

Martin Fiala nahm mich auf die ersten Touren mit, und ich merkte, dass es im Allgäu noch einiges mehr zu entdecken gibt als präparierte Pisten. Wir verabredeten uns für das Frühjahr und planten einige Klassiker im Allgäu, unter anderem auch die Tour vom Weiler Einödsbach hinter Oberstdorf in die Bockkarscharte und auf demselben Weg wieder zurück. Die Verhältnisse waren lange nicht gut, der Schnee in den Tälern begann zu schmelzen. Die Lawinenlage war angespannt und Warten angesagt. Nach einigen Tagen kam endlich Martins Nachricht: „Wir versuchen es, die Nacht wird kälter!“

Lange vor Tagesanbruch trafen wir uns am Parkplatz der Fellhornbahn und marschierten in die Dunkelheit Richtung Einödsbach, versteckten dort unsere Laufschuhe hinter einer Hütte, fellten auf und gingen los. Über gewaltige Lawinenkegel, die in den Tagen zuvor von beiden Seiten in das Bacherloch abgegangen waren, stiegen wir das gespenstische, enge Tal hinauf. Die Schneedecke hatte einen tragfähigen Deckel, aber die gewaltigen abgerutschten und sich auftürmenden Schneemassen zeigten, dass man in diesem Tal nichts verloren hat, wenn die Verhältnisse nicht passen. Wie klein und machtlos man doch angesichts der Naturgewalten ist! Unsere Sinne waren bei jedem Schritt geschärft. Es wurde heller, kein Wölkchen am Himmel.

Wir näherten uns dem Durchstieg in das Bockkar durch eine steile Rinne, die den drahtseilversicherten Sommerweg über eine exponierte Felsstufe seitlich passiert. Uns war klar, dass es kein Durchkommen gab, wenn der Harschdeckel nicht tragfähig genug war. Wir schnallten die Ski an die Rucksäcke, packten die Pickel und machten uns äußerst konzentriert an den Aufstieg. Die Bedingungen waren ideal, ein Fehler wäre jedoch aufgrund der Steilheit unverzeihlich gewesen. 200 Höhenmeter weiter oben, am Ausstieg des Steilstücks, strahlte uns ein riesiger gefrorener Wasserfall wie ein bläulich schimmernder Diamant entgegen. Erleichtert und überwältigt nahmen wir uns das erste Mal Zeit, ins Tal zu blicken.

Ungefähr die Hälfte des Aufstiegs war geschafft, und das breite und endlose Bockkar lag vor unseren Augen. Auf Ski ging es vorbei am Waltenberger Haus, dessen Tage gezählt sind – anstelle der alten Hütte ab Herbst 2015 ein Neubau entsteht. Die Sonne schien in das Kar, die Temperatur stieg an. Kurz vor der Scharte wurde es erneut sehr steil und der Schnee immer weicher. Die Beine waren nach 1.500 Höhenmetern schon ziemlich schwer, und ich hatte das Gefühl, einen Schritt vorwärts und zwei Schritte zurückzumachen. Das letzte Steilstück zog sich endlos hin. Erschöpft aber glücklich kamen wir schließlich oben an und wurden belohnt mit einer grandiosen Aussicht ins Oberstdorfer Tal und ins Lechtal. Die Idylle währte jedoch nicht lange.

Mehrere kleine Lawinen donnerten von den südlichen Steilhängen direkt ins Bacherloch. Das gespenstische Gefühl, das wir in der Früh gespürt hatten, kroch augenblicklich wieder hoch. Martin und ich sahen uns die Schneemassen in diesem engen Tal noch vor Augen skeptisch an. Die Aufstiegsroute abzufahren war plötzlich keine Option mehr. Wir hatten keine Wahl, wir mussten ins Lechtal ausweichen. Eine gute Idee, wie sich herausstellte. Der Schnee war durch die Sonne südseitig gerade passend aufgefirnt, und wir konnten buchstäblich ins Tal surfen. Was für eine Belohnung für den anstrengenden Aufstieg! Mit weiten Schwüngen glitten wir talwärts.

Die Hänge waren in alle Richtungen endlos und unverspurt, so kamen Martin und ich uns mit der Linienwahl nicht in die Quere. Vor einer Steilstufe hielten wir an. Es folgte eine weitläufige Passage. Ich freute mich schon auf die Schwünge, war mir aber nicht ganz sicher, ob es weiter unten ein Durchkommen gab. Das Abenteuer lockte, ich fuhr los und stand plötzlich vor einem zehn Meter hohen Absatz. Ein undurchdringliches Labyrinth aus Felsen und Latschen tat sich vor mir auf. Entmutigt wollte ich meine Ski schon auf die Schultern packen, da rief mir Martin zu: „Warte noch Flo!“ Nach kurzer Wartezeit sah ich ihn am kleinen Gegenhang. Mit Stockzeichen lotste er mich durch das unübersichtliche Gelände...

Nach zehn Minuten Kampf durch die Latschen kam ich schweißgebadet bei ihm an. Mit einem breiten Grinsen neckte er mich: „Die ersten Schwünge waren es wert, oder?“ Ab jetzt war nur noch Genussskifahren angesagt. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Ich hörte nur den Schnee unter meinen Skiern knirschen. Wir spielten mit den Geländeformen, der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt, ein unglaubliches Gefühl überkam mich. Das letzte Stück der Traumtour führte vorbei an der Unteren Roßgumpenalm und den Sims-Wasserfällen. Müde aber glücklich erreichten wir Holzgau im Lechtal. Während der Autofahrt nach Hause dachte ich mir: „Jetzt bin ich im Allgäu aufgewachsen, doch dort oben bin ich bisher noch nie gewesen!“

Genau diese Tatsache macht mir Lust auf mehr. Warum nach Kanada oder in die USA jetten, wenn ich vor meiner Haustür nur einen Bruchteil der Möglichkeiten kenne? Eines ist mir klar geworden: Ich will noch viel mehr von meiner Heimat entdecken und hoffe, noch viele Ecken mit einem „alten Hasen“ wie Martin kennenlernen zu dürfen. Allgäu rocks!

Allgaeu Rocks
© Martin Fiala
Allgaeu Rocks
© Martin Fiala
Allgaeu Rocks
© Martin Fiala
Allgaeu Rocks
© Martin Fiala
Allgaeu Rocks
© Martin Fiala

Fahrer: Florian Eigler

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