BACKLINE Magazin
EN

Deutschland · Allgäu Alps

Kristian Rath - Allgäu Alps

Ausgabe 2011 · Text: Petra Rapp · Fotos: Martin Fiala · 5 min Lesezeit

Kristian Rath - Allgäu Alps

Es ist Herbst, Kristian Rath schaut verträumt aus dem Fenster, die umliegenden Berggipfel präsentieren sich bereits winterlich weiß. Bald wird sein Wecker wieder sehr früh klingeln. Während der …

Es ist Herbst, Kristian Rath schaut verträumt aus dem Fenster, die umliegenden Berggipfel präsentieren sich bereits winterlich weiß. Bald wird sein Wecker wieder sehr früh klingeln. Während der Wintersaison, wenn die meisten sich noch in den Kissen wälzen, ist Kristian schon längst in seinen geliebten Allgäuer Bergen unterwegs. Mehrmals in der Woche rückt er aus und zwar meistens vor seinem eigentlichen, achtstündigen Arbeitstag in einem Steuerbüro. Der 46jährige ist leidenschaftlicher Skifahrer, Skitourengeher und Bergsteiger. Kristian lebt seine Leidenschaft sehr selbstlos. Er ist Mitglied der Bergwacht und freiwilliger Mitarbeiter des Lawinenwarndienstes Bayern.

Mit großem Einsatz, aber leisen Tönen um seine eigene Person, trägt er täglich dazu bei, dass Skitourengeher und Freerider deutlich sicherer unterwegs sind. Bad Hindelang, ein Kurort im Oberallgäu auf 825 Metern Höhe, umgeben von den Allgäuer Alpen. Hier wächst Kristian auf, Bergsport ist ihm in die Wiege gelegt. In seiner Kindheit wandert er mit seinen Eltern, später als Jugendlicher will er schneller hinauf. Er wird zum aktiven Bergläufer und sammelt viele Gipfel. „Zum Klettersport kam ich deshalb, weil sich bei meinen Gipfeltouren ab und zu ein Fels in den Weg gestellt hat, der überwunden werden musste", erzählt er.

Die Leidenschaft für die alpinen Spielarten am Berg war dann endgültig entfacht, als er auch den Winter nicht mehr ungeduldig als „persönliche Zwangspause" am Berg sehen wollte und deshalb mit dem Skitourengehen begann... „Bergsteigen und Klettern im Sommer ist nach wie vor sehr schön", sagt Kristian „aber Skitourengehen ist inzwischen meine ganz große Liebe." Die Berge sind sein Leben. Dort sucht und erlebt er Herausforderung, Bestätigung, Entspannung, Bewegung oder auch einfach nur schöne Naturerlebnisse mit Freunden. Ein Leben weiter weg von den Bergen? Für ihn unvorstellbar. Kristian ist viel unterwegs, macht auch große Touren außerhalb des Allgäus.

Er besteigt an die zehn 6000er in den Anden, in Peru und in Bolivien und träumt von noch schwierigeren Herausforderungen. Ein 7000er oder 8000er würde ihn sehr reizen oder anspruchsvolle Skitouren in exotische Gebiete wie dem Kaukasus, Georgien, Nordnorwegen oder vielleicht Patagonien. Er will dorthin, wo man noch ohne große Infrastruktur auf eigene Faust unterwegs sein und Neues entdecken kann. Für diesen Winter hat er noch nichts Größeres geplant. „Ich kann sowieso erst immer im späteren Frühjahr weg, wenn meine Arbeit hier nachlässt", sagt er und meint damit nicht etwa sein berufliches Tun, sondern sein freiwilliges Engagement für den Lawinenwarndienst Bayern. Wenn er sich für etwas engagiert, dann voll und ganz.

Kristian ist ein Mensch mit Grundsätzen und tief in seiner Heimat verwurzelt. Er kennt sich wie kaum ein anderer in den Allgäuer Bergen aus, hat sich als Autor eines Allgäu-Skitourenführers einen Namen gemacht. Seine Wohnung ist voll mit alpiner Fachliteratur. Das enorme Wissen, das er sich im Laufe der Jahre auch als aktives Bergwachts- und Alpenvereinsmitglied angeeignet hat, prädestiniert ihn für seine Arbeit für den Lawinenwarndienst, für die er sogar seine persönlichen alpinen Ambitionen in den Hintergrund stellt. 2002 hatte Kristian ein für ihn einschneidendes Erlebnis. Am Wildengundkopf geriet er fast unter eine Lawine.

Er überlegte sich, wie das bei Lawinenwarnstufe zwei passieren konnte und hinterfragte: „Ich habe mich mehrfach und intensiv mit dem damaligen Verantwortlichen des Lawinenwarndienstes Bayern über den Vorfall unterhalten und auch meine Kritik an bestimmten Dingen geäußert." Dieser hat schnell gemerkt, dass bei Kristian eine hohe Ortskenntnis und viel Hintergrundwissen vorhanden ist und engagierte ihn als Beobachter, der im Winter fast täglich im freien Gelände in den Allgäuer Bergen für die Lawinenwarnzentrale des Bayerischen Landesamtes im Einsatz ist. Seit nun fast zehn Jahren ist Kristian im Winter regelmäßig entweder frühmorgens ab circa vier Uhr oder abends in den Bergen.

In der Regel ist er alleine in seinem Zuständigkeitsgebiet auf Tour, sucht sich einen Hang im freien Gelände, wo er ohne Eigengefährdung die Lage beurteilt. Vorher schaut er sich die Messstationen an und macht sich dann vor Ort ein allgemeines Bild vom Gelände. Er gräbt ein Schneeprofil, um die kritischen Schichten herausfinden und genau charakterisieren zu können. Untersucht mit der Lupe die Schneekristalle und notiert die Fakten auf der Schreibplatte. Anschließend übermittelt er die gewonnenen Erkenntnisse an die Lawinenwarnzentrale in München. Aus seinen und den Daten der anderen Beobachter erstellt die Zentrale dann den jeweiligen Lawinenlagebericht für die Region. Warum nimmt er diese Mühen auf sich?

„Ich wäre sowieso aus Freude an der Bewegung öfter unter der Woche frühmorgens und abends am Berg unterwegs. Mit dieser Tätigkeit gebe ich dem Ganzen noch zusätzlich einen sinnvollen Hintergrund. Damit andere nicht in die Gefahr kommen, in der ich mich am Wildengundkopf befand." Wie geht er heute persönlich mit den Risiken am Berg um? „Ich merke schon, dass ich mit zunehmendem Alter immer vorsichtiger und zurückhaltender werde. Das Element Schnee ist stets voller Überraschungen. Gerade beim Thema Schneedeckenaufbau gibt es eigentlich nur ein Halbwissen. Es bleibt immer irgendwo eine Unbekannte, es ist und bleibt nur ein Abschätzen. Ein Restrisiko ist in jedem Hang dabei.

Aber durch die langjährige Erfahrung bekommt man schon auch ein Näschen dafür, wo es gerade passt und welche Kare, Hänge und Rinnen bei Pulverschnee dann vielleicht doch gut zu fahren sind." Welchen Rat gibt er als erfahrener Profi anderen, die dem Pistenrummel ausweichen und lieber abseits ihre eigenen Spuren ziehen wollen? „Man darf bei der Tourenplanung nicht nur blind die Gefahrenstufen im Lawinenlagebericht sehen. Es gilt, diese stets kritisch zu hinterfragen und unbedingt den Text des Lawinenlageberichts genau zu lesen. Im Verlauf der Tour muss man dann natürlich auch die enthaltenen Informationen richtig anwenden!

Es hilft einem nichts, wenn man Gefahrenstufe zwei hat, den Hang aber nicht einschätzen kann und dann genau die Stelle erwischt, die gefährlich ist. Lawinenkunde ist irgendwo auch eine Wahrscheinlichkeitsrechnung, das muss einem immer klar sein!" Hilfsmittel wie die Snowcard und die Reduktionsmethode sind für Kristian nur grobe Filtermethoden. Wichtig ist ihm, sich mit einer gewissen Vorsicht an den Berg heranzutasten, damit man die Sicherheitsausrüstung, die jeder natürlich dabei haben und auch damit umgehen können sollte, gar nicht erst braucht. Was seiner Meinung nach unbedingt jeder beherrschen muss: NEIN sagen, wenn man sich bei der Einschätzung am Hang nicht sicher ist.

„Ich weiß, es ist schwer, wenn man nach langer Anreise und mühevollem Anstieg vor einem wunderschönen, noch unbefahrenen Pulverschneehang steht. Aber wie gesagt, das Element Schnee ist und bleibt unberechenbar und unvorhersehbare Lawinenabgänge wird es deshalb immer geben." ...„ Die Schneefallgrenze steigt wieder", bemerkt Kristian aufmerksam, als er nach unserem Gespräch erneut aus dem Fenster schaut. „Der Winter wird wohl noch ein wenig auf sich warten lassen".

Kristian Rath - Allgäu Alps
© Martin Fiala
Kristian Rath - Allgäu Alps
© Martin Fiala
Kristian Rath - Allgäu Alps
© Martin Fiala
Kristian Rath - Allgäu Alps
© Martin Fiala
Kristian Rath - Allgäu Alps
© Martin Fiala

Fahrer: Kristian Rath

Mehr aus Deutschland