Deutschland · Allgäuer Alpen (Nebelhorn / Schochen)
Kings of the Allgaeu Alps
Ausgabe 2015 · Text: Ronja Morell · Fotos: Bastian Morell · 5 min Lesezeit

Die Allgäuer Alpen mit ihren atemberaubenden Blumen- und Grasbergen sind im Sommer ein weithin berühmtes und gut besuchtes Wandergebiet. Aber auch in der kalten Jahreszeit lockt diese Gebirgsgruppe …
Die Allgäuer Alpen mit ihren atemberaubenden Blumen- und Grasbergen sind im Sommer ein weithin berühmtes und gut besuchtes Wandergebiet. Aber auch in der kalten Jahreszeit lockt diese Gebirgsgruppe mit ihren vielen makellosen weißen Hängen, die bis in die Täler herunter leuchten, zahllose Liebhaber an. So suchen immer mehr Menschen das Erlebnis abseits der präparierten Pisten und Skigebiete. Denn unbestritten hält die verschneite Winterwelt Erlebnisse bereit, die man im Sommer vergebens sucht. Um dabei die Stille der Natur für sich allein zu genießen, muss man sich früh auf den Weg machen.
Wir haben unser Glück abseits des beliebten Skigebiets am Nebelhorn bei Oberstdorf versucht und die verschneite Landschaft der Allgäuer Berge ganz ursprünglich und neu erlebt. Die Temperaturen sind eisig, der Himmel ist blau und hinter dem Gipfel des Nebelhorns sind schon die ersten Sonnenstrahlen zu sehen. Mit der ersten Gondel fahren wir hinauf ins Skigebiet, vorbei an steilen, mit Schnee bedeckten Felshängen. Mit etwas Glück sieht man hier Gämsen, die sich geschickt durch das steile Gelände bewegen. An der Station Höfatsblick endet für uns die Fahrt. Wir machen uns auf dem frisch präparierten Winterwanderweg in Richtung Zeigersattel auf und verlassen das Skigebiet.
Der Wind weht eisig kalt, und wir verstecken unsere Gesichter so gut es geht in den Kragen unserer Jacken. Nach einem kurzen und sanften Anstieg erreichen wir den Sattel zwischen Zeiger und Großem Seekopf. Bereits hier eröffnet sich eine fantastische Aussicht auf die tief verschneite Landschaft der majestätischen Allgäuer Alpen. Es folgt die erste kurze Abfahrt nach Osten unter den Nordabbrüchen des Großen Seekopfs vorbei, bis man dessen Nordostgrat auf ca. 1.750 Meter Höhe nach Süden überschreiten kann. Leicht fallend geht es weiter zur Alpe Kuhplatten. Nun beginnt unser erster richtiger Aufstieg durch eine magische Winterwelt in Richtung Schochen.
Vom tief dunkelblauen Himmel strahlt die Sonne, winzige Kristalle glitzern in der Luft, der Schnee knirscht unter den Füßen. In gleichmäßigem Trott schieben sich die Ski nach oben, hinauf zu weiten, weißen Hängen, über denen der Gipfel lockt. Der Wind hat seine Spuren im Schnee hinterlassen, und das Licht- und Schattenspiel der Sonne macht die weiten Schneehänge zu einem einzigartigen Kunstwerk der Natur. Als wir den Gipfel des Schochens erreichen, scheinen die Berge greifbar nah zu sein. Immer wieder entdecken wir neue Gipfel und Felsformationen. Zu den markantesten Gipfeln gehört die 2.259 Meter hohe viergipfelige Höfats, auch „Königin der Allgäuer Alpen“ genannt. Ihre typischen Steilgrashänge sind von keiner Seite aus einfach zu besteigen.
Eine der bekanntesten und schönsten Touren ist die Überschreitung aller vier Höfatsgipfel, die erst 1892 erstbegangen wurde. Im Sommer weit häufiger angegangen, wagt sich im Hochwinter nur selten jemand an die schmalen, überwechteten und gnadenlos ausgesetzten Grate der vier Höfatsgipfel. Wir können uns kaum an diesem Panorama satt sehen. Doch an unseren Fingern macht sich langsam wieder die Kälte des klaren Wintertages bemerkbar. Da hilft auch die vom heißen Tee erwärmte Tasse nichts mehr. So ziehen wir die Felle von unseren Skiern und machen uns für die Abfahrt bereit. Auf uns wartet ein unberührter, nur durch unsere Aufstiegsspur unterbrochener, weißer Hang.
Denn in den Osthängen unter dem Schochen lockt oft bis ins Frühjahr hinein bester Pulverschnee. Die Westflanke der Bergkette dagegen ist meist abgeblasen und windverpresst. Wenn man in den weichen Pulverschnee abtaucht, werden die Mühen des steilen Aufstieges belohnt. Der weiße Pulverschnee fängt den zu Tal sausenden Körper sanft auf, hebt ihn schwerelos wieder nach oben, auf dem Höhepunkt drehen die Ski und tauchen erneut ein zum nächsten rhythmischen Schwung. Nur Fliegen kann schöner sein als eine Abfahrt durch unverspurten Pulverschnee! Wir beenden auf Höhe der Alpe Kuhplatten unsere erste Abfahrt und machen weitere Höhenmeter in Richtung Lacherscharte. Auf dem Sattel erwartet uns ein freigewehter, grasiger Westgrat.
Nun heißt es Ski auf den Rucksack und Steigeisen an. Wir steigen auf dem teilweise extrem steilen Grat hinauf zum Laufbacher Eck. Wer mit Höhenangst zu kämpfen hat, sollte hier lieber unten bleiben. Denn beide Seiten eröffnen den direkten Blick ins Tal – nach rechts in das Oytal, nach links in Richtung Obertal. Doch diese Überschreitung schenkt uns weitere unvergessliche landschaftliche Eindrücke. Auf dem Laufbacher Eck ist man einem zweiten markanten Allgäuer Berg, dem Schneck (2.269 Meter), zum Greifen nahe. Wie die Höfats ist er ein typischer Allgäuer Grasberg mit extrem steilen, im Winter weiß gefärbten Hängen und einer furchteinflößenden Nordostwand. Der Gipfel bleibt, gerade im Winter, nur sehr erfahrenen Alpinisten vorbehalten.
Wir genießen die Freiheit und die unendliche Abgeschiedenheit dieses menschenleeren Fleckens Erde. Hier oben könnten wir ewig sitzen. Doch die Vorfreude auf die Abfahrt macht uns nervös und wir wollen weiter. Nun heißt es einen günstigen Übergang über die mehrere Meter hohe Wechte am Gipfelgrat in Richtung Osten zu finden, um in das steile Kar mit etwa 35 Grad zu gelangen. Hier erwartet uns die Abfahrt ins Bärgündletal. Der unbefahrene, pulvrige Schnee glitzert verführerisch, anziehend wie ein mächtiger Magnet. Die ersten Schwünge. Fast bis zu den Knien reicht die weiße Decke. Das Auf und Ab des Körpers ist schnell nicht mehr zu spüren. Es ist, als ob er ins Schweben käme. Eine feine Gischt aus Kristallen staubt um uns, kalt und belebend zugleich.
Wir halten uns immer rechts, um links unterhalb der Zwerchwand, einem sehr markanten Felsriegel, in das Tal zu gelangen. Schließlich bringt uns der Pendelbus vom Giebelhaus nach Hinterstein, wo unsere Tour endet. Es hat alles gepasst: Landschaft, Wetter, Gipfelerlebnisse, verbunden mit unglaublichen Abfahrten in unverspurten Hängen. Wir haben unser Glück gefunden – in den Allgäuer Alpen.





Fahrer: Janik Horst, Alina Kuffner, Christoph Mosmang



