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Deutschland · Wetterstein / Karwendel (Isartal)

The Unknown Back of my Hand

Ausgabe 2018 · Text: Max Kroneck · Fotos: Anton Brey · 4 min Lesezeit

The Unknown Back of my Hand

Da gibt es diesen Berg zwischen dem Wettersteingebirge und dem Karwendel. Unscheinbar steht er da, und dennoch zieht er immer, wenn ich in den Süden oder wieder nach Hause fahre, meine Blicke auf …

Da gibt es diesen Berg zwischen dem Wettersteingebirge und dem Karwendel. Unscheinbar steht er da, und dennoch zieht er immer, wenn ich in den Süden oder wieder nach Hause fahre, meine Blicke auf sich. Jahr für Jahr nehme ich mir vor, diesen Berg anzugehen, aber irgendwie habe ich es bisher noch nie geschafft. Jedes Mal, wenn die Bedingungen gut sind, bin ich irgendwo beruflich unterwegs. Ich selbst habe noch nie Skispuren auf diesem Berg gesehen, weiß aber, dass der eine oder andere Skitourengeher bereits dort war... „Es ist sternenklar, als wir aufbrechen. Sogleich ziehen wir die ersten Aufstiegsspuren in den unberührten Pulverschnee.“ Klingt super, wäre aber langweilig. Tatsächlich folgen wir einer öden Forststraße.

Kaum zweigen wir vom Weg ab, stehen wir in einem steilen Wald, umgeben von dichtem Gestrüpp. Die Spitzkehrentechnik wird auf den Prüfstand gestellt. Wir schauen beide suchend aufwärts und wollen hier so schnell wie möglich heraus. Immer wieder meinen wir, einen Weg zu sehen, der uns zügig nach oben bringt. Doch nach ein paar Minuten finden wir uns im Unterholz wieder. „Ahhh, zefix!“, kommt sogar von Toni, der eigentlich mit allen, noch so schlechten Bedingungen sehr genügsam ist. Endlich wird es lichter, was an der Hochspannungsleitung liegt, unter der wir stehen. Dafür wird es jetzt erst richtig steil. Wenn man ehrlich ist, dann geht doch fast jede Skitour so los.

Außer, man wählt den gemütlichen Weg und überschwebt die ersten zugewucherten Höhenmeter mit einer Gondel. Irgendwie gehört das dazu – einen Bach schwindlig im Tourenmodus überqueren, vom Vordermann das Dickicht ins Gesicht gepeitscht bekommen oder auf einem festgefrorenen Harschdeckl herumeiern, als müsse man barfuß über ein Nagelbrett gehen. Genauso, wie es dazugehört, durch einen unberührten weißen Hang zu pflügen oder durch die weiß glitzernde Pracht im Mondschein bergaufwärts zu gleiten. So nah beieinander liegen perfekte Tourenbedingungen, wie man sie aus dem Katalog kennt, und prügelharte Holzarbeit mit Skiern unter den Füßen.

Als sich der Hang endlich wieder neigt, sind wir froh, durch zu sein, nur um dann wieder festzustellen, dass wir etwa 100 Höhenmeter im Gestrüpp abwärts vernichten müssen. Und der nächste steile Wald ist schon in Sicht. Nichtsdestotrotz motiviert uns die Hoffnung, endlich die weiße Pracht in großen Flächen genießen zu können. Wir befinden uns zwischen Karwendel und Wettersteingebirge auf dem Weg zu jenem Berg, an dem Toni und ich regelmäßig mit dem Auto vorbeifahren. Jedes Mal, wenn ich mit dem Auto hier im Tal unterwegs bin, schaue ich nach rechts durch das Fenster und denke mir: „diese Rinne müsste man mal mit Ski fahren“, und schwuppdiwupp ist man schon daran vorbeigefahren.

Glücklicherweise hatte mich Toni vor zwei Tagen angerufen und gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm da hochzuwatscheln. Wir beide hatten keine Ahnung, was uns erwarten wird. In den heimischen Skitourenführern ist dieser Berg nicht aufgelistet. Maximal ein paar heimische Bauern wedeln hier gelegentlich einsam ihre Zöpfe. So sind sogar die Steigeisen im Rucksack gelandet. Am Abend zuvor hatten wir noch eine mögliche Aufstiegsroute auf der Landkarte gecheckt. Doch auf dieser befinden wir uns schon lange nicht mehr. Jetzt endlich wird der Wald lichter. Die ersten Sonnenstrahlen kommen durch, und wir freuen uns, hier später in Slalommanier durchpudern zu dürfen.

Schon kurz darauf kommen wir auf die „Katalogseite des Berges“: Hier ein Hügel, dort ein Hang und da drüben ein Hüttchen. Ein riesiges Spielparadies breitet sich vor uns aus. Klick, klick – die klassischen Bilder sind im Kasten. Dass es sich bei dem einen Bild um einen Faketurn handelt, weiß ja zum Glück niemand. So können wir nun mit gutem Gewissen das kupierte Gelände hinuntersausen. Juchhe – was für ein Schnee! Zu meinem Glück gibt es dazu keine Bilder, denn nur so konnten wir den Hang ungestört ohne Fotopause runterwedeln. Nach schnellem Auffellen geht es einige Höhenmeter hoch zum nächsten Kamm. Ganz klassisch, so wie man sich Skitouren im Lehrbuch vorstellt, ziehen wir großes Zickzack durch weite Hänge.

Oben angekommen, werden noch schnell ein paar heroische Skitourenbilder gemacht, bevor wir uns sputen, in den Abfahrtsmodus zu kommen. Denn hier oben pfeift es ungemütlich kalt. Wir beide fahren unterschiedliche Wege ab. Toni folgt dem trockenen Pulver und ich fahre diese Rinne, die ich schon lange aus dem Auto beäugt habe. Was für ein Vergnügen! Als wir uns weiter unten wieder treffen, haben wir leider den schönen Wald, auf den wir uns schon gefreut hatten, links liegen gelassen. Stattdessen stehen wir unerwartet mitten in einem riesigen Lawinenkegel mit zahlreichen mannshohen Eisbrocken. Von diesen unglücklichen Schneebedingungen – ebenso wie von den letzten 800 Höhenmetern freier Fahrt durch grandiosen Schnee – gibt es keine Fotos.

Das ist auch besser so, denn so bleibt es dabei: Mit Bilderbuchdarstellungen kann man zwar Geld verdienen, aber um etwas Aufregendes zu erleben, rate ich, dass man die Katalogvorstellung verlässt. Als wir unten ankommen, erwarten uns zwei Kilometer Langlaufloipe, die wir nun abschließend noch herausschieben müssen. Einmal mehr wird mir bewusst, dass auch dies zu einer richtigen Skitour gehört. Zwei Tage später bekomme ich von Toni die Bilder geschickt. Der Ordnername lautet „Hasellähne_Brey_Photography“. Jetzt weiß ich auch endlich, welcher Rinne ich die letzten Jahre immer aus dem Auto hinterhergeschaut hatte – und, dass ich sie nun auch endlich einmal mit Ski gefahren bin.

The Unknown Back of my Hand
© Anton Brey
The Unknown Back of my Hand
© Anton Brey
The Unknown Back of my Hand
© Anton Brey
The Unknown Back of my Hand
© Anton Brey
The Unknown Back of my Hand
© Anton Brey

Fahrer: Max Kroneck

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