BACKLINE Magazin
EN

Norwegen · Jotunheimen National Park

Among Giants and Glaciers

Ausgabe 2019 · Text: Fredrik Schenholm · Fotos: Fredrik Schenholm · 5 min Lesezeit

Among Giants and Glaciers

Mit den Glitterheim-Hütten endet der zweite Tag. Die müde Gruppe von Skifahrern, die um halb neun in die Lobby stolpert, wird von Knut mit einem warmen Lächeln begrüßt. Er leitet die Hütte in vierter …

Mit den Glitterheim-Hütten endet der zweite Tag. Die müde Gruppe von Skifahrern, die um halb neun in die Lobby stolpert, wird von Knut mit einem warmen Lächeln begrüßt. Er leitet die Hütte in vierter Generation. Glitterheim liegt wunderschön an einem zugefrorenen See am Fuße von Norwegens zweithöchstem Berg, dem Glittertind. Neben 23 der höchsten Berge Norwegens findet man in diesem Park, der auch „Heimat der Riesen“ genannt wird, mehr als 240 Berge, die über 2.000 Meter hoch sind. Vor sieben Jahren hatten der Skifahrer Stian Hagen und der Fotograf Johan Wildhagen die Idee, Jotunheimen zu durchqueren.

Mit einer Länge von 77 Kilometern, einem Höhenunterschied von etwas mehr als 7.200 Metern und fünf Hütten entlang des Weges wurde die Tour bald zum norwegischen Äquivalent zur Haute Route in den Alpen. Die ersten beiden Tage waren anstrengend für die Gruppe. Sturm, Kälte und schlechte Schneeverhältnisse machten die Tour weniger angenehm, als alle erhofft hatten. Die Høyruta, norwegisch für Haute Route, beginnt bei der Gjendesheimer Berghütte im Osten von Jotunheimen. Im Gegensatz zu vielen anderen Hütten ist sie das ganze Jahr über mit dem Auto erreichbar und somit idealer Ausgangspunkt für die Überquerung. Der erste Tag der Høyruta umfasst 16 Kilometer und 1.258 Höhenmeter und führt über den 2.258 Meter hohen Besshø.

Vom Gipfel aus sehen wir kaum, was vor uns liegt. Der Schnee wird vom Sturm heftig aufgewirbelt, aber gelegentlich sind gen Westen große Gletscher und scharfe Gipfel zu erkennen. Das Couloir unterhalb des Gipfels misst 400 Höhenmeter und hat 30 bis 35 Grad, gefolgt von einer langen Traverse über Felsen und Schnee und einem kurzen, befahrbaren Hang am Ende, bevor man schließlich die Memerubu Hütte erreicht. Am nächsten Tag verlassen wir Memerubu und steigen sieben Kilometer auf, überqueren einen Gipfel und passieren mehrere zugefrorene Seen. Jetzt stehen wir am Fuße der letzten steilen Steigung, die uns auf das Plateau bringt, das zum Gipfel des Surtingssue führt. Endlich fühlt es sich an wie eine hochalpine Tour.

Westlich von uns sehen wir den mächtigen Vestre Memerubu Gletscher mit Gipfeln, die wie Nunataks aus ihm herausragen. Die Aussicht ist atemberaubend. Am Ende des Plateaus beschließt Bergführer Christian Edelstam, den kurzen, aber steilen Umweg über den Surtingssue auszulassen. Stattdessen geht es ohne Umweg zur Glitterheim Hütte. Schneemangel, Temperaturen um -20 Grad Celsius und der Wind haben viel Zeit gekostet. Wir fellen ab und ziehen das Seil heraus. Christian gräbt einen T-Anker und beginnt, uns nacheinander den eisigen und steilen Abschnitt hinunter zum südlichen Teil der Blågletscher abzuseilen. Es ist kalt und eisig, und es fühlt sich endlich wie ein richtiges Skiabenteuer an.

Nach einer langen, flachen Überquerung des Gletschers fahren wir einen kurzen Hang, als die Sonne bereits beginnt, unterzugehen. Mit lachenden Gesichtern versammeln wir uns an dem gefrorenen See. Der Wind hat endlich nachgelassen. Noch vier Kilometer und 300 Höhenmeter auf und ab, bevor wir die Glitterheimer Hütte und das Lächeln von Knut erreichen. Nach zwei körperlich anstrengenden, aber wunderbaren Tagen wachen wir mit der Gewissheit auf, dass uns ein leichter Tag bevorsteht. Die Strecke von Glitterheim zum Gipfel des Glittertind, Norwegens zweithöchstem Berg mit 2.457 Metern, ist flach. Es stürmt immer noch, weswegen wir nur eine kurze Gipfelpause einlegen.

Die Abfahrt beginnt mit einer Querung, um die spektakuläre Glittertind-Nordwand zu umgehen. Dann fahren wir Richtung Süden ab. Das erste Stück ist flach und breit. Vor uns sehen wir die Königin von Norwegen, die Galdhøpiggen, den mit 2.469 Metern höchsten Berg des Landes. Nach halber Strecke wird der Hang steiler und schmaler, dann traversieren wir über ein weiteres Flachstück zu den Spiterstolen Hütten von Bjørn Andreas und seiner Frau Bodil. Am nächsten Tag ist es früh am Morgen, als wir das Tal hinauf zum Tverrågletscher steigen. Aufgrund der Schneelage und der körperlichen Verfassung der Gruppe beschließt Christian, die ursprüngliche Route mit 1.800 Höhenmetern und 17 Kilometern Länge über den Gipfel des Galdhøpiggen zu verkürzen.

Stattdessen nehmen wir einen direkteren Kurs nach Südwesten über den Tverrågletscher, eine Ersparnis von 600 Höhenmetern und drei Kilometern. Als wir den Pass südlich von Bukkeholstindan erreichen, befinden wir uns inmitten großer Gletscher und spitzer Gipfel. Das ist Jotunheimen von seiner besten Seite. Nach einer großartigen Abfahrt überqueren wir den Søre Lillågletscher und steigen zum Pass westlich von uns hinauf. Noch einmal fellen wir ab. Christian fährt als erster und findet eine optimale Linie. 35-40 Grad, perfekter Schnee. Der Run endet mit der Traverse hinunter zur Sommerstraße und einem kurzen Spaziergang zur Leirvassbu Hütte. Das Endziel der ursprünglichen Høyruta sind die Hütten von Krossbu, die weiter westlich entlang der Straße liegen.

Da wir jedoch einen Zug erwischen müssen, gilt es, erneut zu improvisieren. Nach einem kurzen Frühstück schalten wir unsere Stirnlampen an und folgen der Straße nach Norden in Richtung Leirvassbu. Es ist eine Stunde vor Sonnenaufgang, und die Landschaft leuchtet in einem magischen Blau. Bald fellen wir wieder auf und steigen in das Tal nordöstlich von Storebjørn auf. Auf halbem Weg werden wir von der Sonne begrüßt. Wir sind ganz allein. Alles ist schön und still. Das ist der Grund, warum ich Skitouren liebe. Wir erreichen den Bjørngletscher und gehen um den Sokse herum zu dem Pass, der zum Storegletscher führt. Es gibt keine anderen Spuren. Ich kann mich nicht sattsehen an diesen Bergen.

Wir machen weite, schnelle Schwünge, vorbei an eisblauen Gletscherspalten. 1.200 Meter weiter unten erreichen wir den Parkplatz am Ende der offenen Straße nach Leirvassbu. Die ursprüngliche Høyruta hätte uns zu den Krossbu Hütten geführt, stattdessen sind wir über den Gletscher hierhergekommen. Ich denke, wir hätten uns keinen besseren Abschluss wünschen können.

Among Giants and Glaciers
© Fredrik Schenholm
Among Giants and Glaciers
© Fredrik Schenholm
Among Giants and Glaciers
© Fredrik Schenholm
Among Giants and Glaciers
© Fredrik Schenholm
Among Giants and Glaciers
© Fredrik Schenholm

Fahrer: Christian Edelstam, Johan Engebratt

Mehr aus Norwegen