Norwegen · Glomfjord
Badass Bodo
Ausgabe 2017 · Text: Anders Wingqvist · Fotos: Fredrik Schenholm · 4 min Lesezeit

Bodø in Nordnorwegen hat mehr zu bieten als das Flugmuseum oder die weltgrößte Population an Seefalken. In der Nähe der Stadt und des Flughafens von Bodø gibt es mehrere Gebiete, in denen man …
Bodø in Nordnorwegen hat mehr zu bieten als das Flugmuseum oder die weltgrößte Population an Seefalken. In der Nähe der Stadt und des Flughafens von Bodø gibt es mehrere Gebiete, in denen man wunderbare Skitouren gehen kann. Backline testete das Sonnenuntergangs- und Mondlichtskifahren am Glomfjord. Hier warten atemberaubende Aussichten auf die Fjorde und das Meer, und die rauen Berge ragen über tausend Meter direkt aus dem Wasser in den Himmel. Wir aßen „Kveite“ und trafen Øyvind, der uns die Berge seiner Heimat zeigte. „Seht mal, ich habe eine Erdnuss in meinem Handschuh“, sagt Øyvind Gjersvik. Er schüttelt die verirrte Nuss heraus und wirft sie grinsend in den Mund. „Perfekt, ich hatte Energie nötig, bevor's auf den Gipfel geht!“.
Wir machen Pause und trinken und essen etwas. Øyvind, unser Guide, ist in der Gegend aufgewachsen und hat sein ganzes Leben in diesen Bergen verbracht. Neben seiner Arbeit als Guide und seiner eigenen Firma „Meløy Adventure“, arbeitet er auch noch als Industriekletterer auf einer Ölplattform in der Nordsee. Diese Arbeit ist hart, aber sie lässt ihm auch jede Menge Freizeit. Jedes Jahr verbringt er fünfundfünfzig Tage auf Ski. Wir befinden uns in der Gemeinde Meløy an der Südseite des Glomfjord. Bis zum Gipfel des Ronsfjellet sind es nur noch wenige Höhenmeter. Die Aussicht ist sensationell: Der Bjærang Fjord unter uns und der Atlantik etwas weiter westlich. Die Ostseite des Kjeldalstinden sieht gewaltig von hier aus.
Die Berge um uns sind gerade einmal 1.000 Meter hoch. Von den meisten kann man direkt bis ans salzige, kalte Meerwasser abfahren. Glomfjord heißt sowohl der Fjord als auch der Ort, der zwei Stunden südlich der Stadt Bodø liegt. Von dort dauert es wiederum eine Stunde, um den Fjord und durch einen langen Tunnel nach Ytre Kjeldahl zu gelangen, wo wir unseren Mietwagen parken und die Tour starten. „Zeit zum Skifahren“, sagt Øyvind Gjersvik, als wir endlich den Gipfel des Ronsfjellets erreichen. Wir wählen einen nordwestlich verlaufenden Hang, der leider etwas verharscht ist, was das Gesamterlebnis etwas dämpft.
Am Sattel zwischen Ronsfjellet und Reindalstinden wechselt die Fahrtrichtung nach Nordosten und es geht hinunter ins Reindalen und zum gefrorenen Reindalsvattnet-See. Vor uns liegt der perfekte, unverspurte Hang. Am See prasselt es High Fives: 700 Höhenmeter maximaler Skigenuss. Aber Øyvind hat noch mehr für uns auf Lager. Er zeigt auf einen steilen Hang im Westen. Ski an den Rucksack und wieder 300 Höhenmeter nach oben, erst zu Fuß, danach mit Fellen. Der Reindalstiden steht direkt vor uns, als die Sonne bereits langsam untergeht. Die Schatten werden immer länger und die Dunkelheit legt sich über das Gebirge. Hier am Polarkreis sind die Tage Anfang Februar nicht sehr lang.
Bevor wir unsere Stirnlampen für den letzten Aufstieg einschalten, schauen wir nach Norden zum dunklen Wasser des Glomfjords. Entlang der Küstenlinie gehen in den kleinen Dörfern Reipå im Westen, Ørnes im Osten und in jedem anderen Haus dazwischen die Lichter an. Über dem Glomfjord entdecken wir die Pisten eines kleinen Skigebietes, die sich wie kleine weiße Schlangen durch den dunklen Wald winden. Der Vollmond steigt über dem Glomfjord auf und sein Licht wird im Wasser reflektiert. Schon im Zweiten Weltkrieg saßen Menschen auf diesen Bergen und spähten in die Dunkelheit hinein.
Im September 1942 begann die „Operation Muskedunder“: Zwölf Soldaten aus England, Kanada und Norwegen wurden von dem französischen U-Boot Junon im Bjærangfjord – derselbe Fjord, wo unser Auto geparkt ist – an Land gebracht. Zu dieser Zeit war Norwegen von Nazi-Deutschland besetzt und kämpfte um seine Freiheit. Es ging nicht ums Skifahren oder den romantischen Ausblick. Ziel der Operation war es, das Wasserkraftwerk Glomfjords zu sabotieren. Die zwölf jungen Männer überquerten den Berg und führten ihre Befehle aus. Die Operation war erfolgreich, allerdings schafften es nur vier der zwölf Soldaten bis nach Schweden.
Einer wurde während der Operation erstochen, die restlichen sieben wurden festgenommen und später im Konzentrationslager Sachsenhausen umgebracht. Im Licht unserer Stirnlampen fahren wir hinunter zum Fjord. Der Schnee ist nicht gerade ideal, aber das Ganze macht Spaß und ist einigermaßen risikofrei. Øyvind kennt das Gelände gut und zeigt uns den besten Weg. Unten wartet bereits ein Boot auf uns. Wir überqueren den Fjord und brechen durch eine dünne Eisschicht, bevor wir ein altes Haus erreichen. „Herzlich willkommen! Ich habe Heilbutt gekocht.“ Das Begrüßungskomitee besteht aus der Schwedin Helena und ihrem Hund Taiga, einem Alaskan Husky. Helenas gut geheiztes Haus war früher eine Fischerhütte.
Noch immer hängen alte Rettungswesten an den Wänden und Bojen und Netze unter dem Dach. In einer Ecke steht ein Holzofen, in einer anderen eine Bar. „Wer mag Irish Coffee?“, fragt Helena. Wir essen perfekt zubereiteten Fisch, der am gleichen Tag frisch von Helenas Ehemann gefangen wurde. Der Heilbutt wird mit Knoblauchsauce, geröstetem Wurzelgemüse und einem Salat mit Granatapfeldressing serviert. Helena erzählt uns, dass sie ihren Mann, der in Bodø geboren ist, in Katar kennengelernt hat. Sie arbeitete als Rechtsanwältin, er als Ingenieur bei Norska Hydro. Sie wollten gemeinsam etwas Neues ausprobieren und zogen nach Vassdalsvik, um Ferienwohnungen zu vermieten. Es war ein langer Skitag.
Vierzehn Stunden sind seit dem Aufstehen vergangen – jetzt sind wir müde, glücklich und sehr zufrieden. Morgen wollen wir den Istinden, die bekannteste Skitour am Glomfjord, besteigen, bevor wir weiter ins Landesinnere zum Beiarn-Tal ziehen. Unser Abenteuer in Bodø hat gerade erst begonnen.





Fahrer: Johan Engebratt, Erik Studer, Anders Wingqvist



