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Norwegen · Beerenberg Volcano (Jan Mayen)

Seasick

Ausgabe 2015 · Text: Brody Leven · Fotos: Alyssa Larson · 5 min Lesezeit

Seasick

„Ich würde fürs Skifahren fast alles tun, aber das?“, murmelte ich nach drei Stunden auf See. Bald würde ich zu seekrank sein, um sprechen, essen, trinken oder mich bewegen zu können. Und wir waren …

„Ich würde fürs Skifahren fast alles tun, aber das?“, murmelte ich nach drei Stunden auf See. Bald würde ich zu seekrank sein, um sprechen, essen, trinken oder mich bewegen zu können. Und wir waren noch Tage von unserem Ziel entfernt: der norwegischen Vulkaninsel Jan Mayen im Nordpolarmeer. „Ich will, dass das Boot kentert und meine Misere ein Ende hat!“ Die Seekrankheit lähmte mich, das Pflaster hinterm Ohr linderte den Brechreiz und Kopfschmerz nicht. Die Sonne schien unentwegt durch die Bullaugen, und die Bootsfahrt fühlte sich wie ein endloser, elender Tag in der Hölle an. Zwei Wochen zuvor hatte ich nicht gewusst, dass die Insel überhaupt existierte.

Während meines Skitrips auf Island wurde ich eingeladen, am Beerenberg, dem nördlichsten aktiven Vulkan der Erde, auf Tour zu gehen – und ging an Bord. Während des Kurz-Briefings vor unserer Reise verkündete Siggi, der erfahrene Kapitän des Expeditionsschiffs, auf dem er jährlich sieben Monate verbringt, seinen bisherigen Negativrekord, was die Reisezeit nach Jan Mayen anging: 77 Stunden. Der neue Rekord dauerte 84 Stunden; 83 davon verbrachte ich auf meinem 50 Zentimeter breiten Bett. Außer Wasser nahm ich nur Nahrung zu mir, wenn Alyssa sie mir brachte. Gegenwind und sechs Meter hohe Wellen waren für meinen Magen zu viel.

Wenn das Boot nicht in extremer Schräglage war, schwankte es von vorne nach hinten, von einer Seite zur anderen oder alles gemeinsam. Erst als die Fotografin Alyssa Larson und ich mit dem Schlauchboot auf der Insel anlandeten, konnte ich die erste Mahlzeit der Woche zu mir nehmen. Jan Mayen wurde im 17. Jahrhundert entdeckt, aber erst 1930 von Norwegen beansprucht. 80 Jahre später erklärte die Regierung die Insel zum Naturschutzgebiet. Mit diesem Status kamen auch zahlreiche Einschränkungen, die den Tourismus für die Insel zum Stillstand brachten. Das 18 Meter lange Segelboot des Isländers Sigurður Jónsson, die Aurora Arktika, war zum Zeitpunkt unserer Reise das einzige Schiff, das für mehr als ein paar Stunden an der Küste Jan Mayens ankern durfte.

Abgesehen von Siggis Gruppen dürfen nur noch einige kleinere Kreuzfahrtschiffe Touristen für Kurzbesuche auf der einige Kilometer entfernten Militärbasis an Land bringen. In unserer Gruppe von Bergsteigern mit unterschiedlichem Niveau einigten wir uns darauf, am Fuß des Gletschers auf etwa 700 Metern Höhe ein Biwak zu errichten. Während der 36 Stunden unserer Tour schien unaufhörlich die Sonne. Um 19 Uhr lagen wir in unseren Schlafsäcken und wollten gegen Mitternacht aufbrechen, an Schlaf war aber nicht zu denken, obwohl wir unsere Sonnenbrillen trugen. Ab und zu sahen wir über den Schlafsackrand und beobachteten die Anderen, die in der Mitternachtssonne ebenfalls keine Ruhe fanden.

Um Mitternacht zogen wir endlich los und stiegen mit Fellen über den langen, leicht geneigten Gletscher auf. Stundenlang schien es, als würde der Berg vor uns keinen Meter näher kommen. Als wir endlich Fortschritte bemerkten, ragte auch schon die Gipfelpyramide steil über uns in den Himmel. Alyssa und ich hatten einen riesigen Vorsprung vor den Anderen. Wir stiegen ohne festgelegte Route auf, navigierten um weit geöffnete Gletscherspalten und blieben aufmerksam, um an dem bisher so gut wie unbekannten Berg etwaige Lawinenabgänge zu vermeiden. Angeseilt stiegen wir im Schatten des Gipfels auf, vorsichtiger denn je und doch darauf bedacht, so schnell wie möglich ans Ziel zu kommen.

Der Beerenberg besteht aus mehreren kleinen Gipfeln, die einen Kilometer weit den Vulkankrater umringen. An der südwestlichen Seite liegt der Hauptgipfel, auf der Westseite ist der Kreis durchbrochen, so dass der Gletscher im Kraterinneren seinen Weg nach außen findet und bis zum 2.277 Meter tiefer gelegenen eiskalten Ozean fließt. Nach etwas weniger als einer Stunde Wanderung entlang des Kraterrandes standen wir auf dem Gipfel. Alyssa und ich wollten so schnell wie möglich wieder hinunter, auch wenn von dem Wolkenmeer unter uns keine Unwettergefahr ausging und die Sonne noch einen weiteren Monat durchscheinen würde. Nicht lange auf Gipfeln zu verweilen, ist unsere Angewohnheit; dieses Mal jedoch zögerten wir, so sehr begeisterte uns der Ausblick.

Wir standen auf einem Vulkan, von dem ich noch vor zwei Wochen keinerlei Kenntnis hatte. Abgesehen von den Wolken unter uns erstrahlte der Himmel fast endlos in brillantem Blau. Dazu kam absolute Windstille. Würden die Wolken unter uns aufreißen, würden wir in alle Richtungen nur Wasser sehen. Lediglich ein paar kleinere Gipfel an der Südseite Jan Mayens, kaum sichtbar ob der Wolken, die sich auf Höhe der Schneegrenze festgesetzt hatten, störten diese Uriendlichkeit. Wir fuhren ab und trafen auf die Anderen, die noch aufstiegen. Im ersten Teil navigierten wir mit Hilfe des GPS durch die Gletscherspalten, manövrierten über die langsam antauenden Eisbrücken, hielten ein Auge auf mögliche sich lösende Seracs und überwanden einige Steilstellen, bis wir auf den sicheren unteren Gletscher kamen, der uns zurück zu unserem Biwakplatz und dann weiter über die halbe Insel zu unserem Basecamp führte.

Unsere Aufstiegsroute war anspruchsvoll, doch mit kleinen Anpassungen wurde die Abfahrt zur sicheren Angelegenheit. Nach zwanzig Minuten durchgehender Schwünge in flacherem Gelände packten Alyssa und ich unsere Biwakausrüstung ein, fuhren mit GPS-Hilfe in die Wolken und starteten den langen Marsch über die Insel. Wir beendeten den Tag nach 36 Stunden und 40 Kilometern und hatten unser hochgestecktes Ziel nur zwei Tage nach unserer Ankunft auf Jan Mayen geschafft. Ein paar Tage später brachen wir auch das Basecamp ab, brachten unsere Ausrüstung auf die Aurora, die vor der Küste ankerte, und machten uns auf die über 70-stündige Rückfahrt nach Island. Meine Seekrankheit holte mich schneller wieder ein, als mir lieb war.

Doch angesichts der Tatsache, dass ich drei Wochen zuvor noch nichts von der Existenz von Jan Mayen und dem Vulkan Beerenberg gewusst hatte, nahm ich es hin und fühlte mich einfach nur glücklich.

Seasick
© Alyssa Larson
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© Alyssa Larson
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© Alyssa Larson
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© Alyssa Larson
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© Alyssa Larson

Fahrer: Brody Leven

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