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Norwegen · Altafjord

Polar Powder

Ausgabe 2016 · Text: Anders Wingqvist · Fotos: Fredrik Schenholm · 4 min Lesezeit

Polar Powder

Jedes Jahr besuchen tausende Touristen das Dorf Alta am norwegischen Polarkreis, um die Aurora Borealis zu erleben. Alle Mitglieder unserer schwedischen Skitourengruppe meinten, es wäre wohl ziemlich …

Jedes Jahr besuchen tausende Touristen das Dorf Alta am norwegischen Polarkreis, um die Aurora Borealis zu erleben. Alle Mitglieder unserer schwedischen Skitourengruppe meinten, es wäre wohl ziemlich langweilig, nur in den Himmel zur starren und auf Nordlichter zu hoffen. Ein kurzer Blick auf die Karte zeigte, dass es dort zahlreiche Berge gibt, die man besteigen könnte, um anschließend unter dem grün gefärbten Winternachthimmel abzufahren. Wir hatten einen Plan. Vor Ort gab es dann keine Zweifel mehr: blaue Fjorde und endlose, schneebedeckte Berge. Waldabfahrten mit einer ebenbürtigen Schneequaliät wie im gleichnamigen Skigebiet in den USA, mit dem Unterschied, dass es hier keine anderen Skifahrer gab. Na gut, vielleicht ein Dutzend andere.

Darunter der wohl bekannteste Local: Tore, der Offpiste-Farmer. Mit einem roten Rucksack auf den Schultern und einem breiten Grinsen im Gesicht lief Tore über den Parkplatz und begrüßte uns. „Lasst Euch ein paar Tipps geben“, sagte er. Wir waren gespannt, was uns die einheimische Skilegende sagen würde, denn unsere Recherche für diesen Trip nach Nordnorwegen war ziemlich erfolglos. Die Google-Suche nach „Alta + Skifahren“ führte uns fast ausnahmslos zu Seiten über das berühmte Tiefschneegebiet in Amerika. Ein paar andere Treffer verwiesen auf Alta Badia in den Dolomiten. Das norwegische Alta jedoch blieb verborgen.

Strichen wir das „Skifahren“, gab es etwas mehr: Nordlichter, Hundeschlittentouren in der Finnmark, Lachsfischen und Artikel über umstrittene Wasserkraft-Projekte in den 1970ern. Selbst das Tourismusamt verstand nicht, warum wir zum Skifahren kommen wollten: „Die Lofoten, Lyngen und das Tamok-Tal bei Tromsø sind die besten Skitourenregionen in Norwegen, nicht Alta. Sie werden recht enttäuscht sein, wenn Sie zum Skifahren hierherkommen wollen!“ Wir wollten trotzdem, denn wir wussten, dass wir dort ein gut behütetes Geheimnis lüften würden. Karten und Fotos ließen uns auf außergewöhnliche Skitouren hoffen. Ein kurzer Blick auf die Topografie nordwestlich von Alta, auf der Halbinsel Loppa, reichte, um süße Träume zu beschweren.

Dann noch die Bilder schneebedeckter Berge, die direkt aus dem blauen Wasser der Fjorde in den grünen Nordlichterhimmel ragten... Das einzige, was auf den Fotos nicht zu sehen war, waren Skifahrer. Aber dafür würden wir ja sorgen. Und nun waren wir hier – etwa eine Stunde nordwestlich von Alta, auf einem Parkplatz des Dorfes Langfjordbotn, an einem wunderbar winterlichen Februarmorgen. Der Mann, der uns „ein paar Tipps“ gab, kennt die Region wie seine Westentasche. Tore Karlström, wegen seines eigentlichen Jobs als Bauer und Besitzer von 35 Milchkühen auch der „Offpiste-Farmer“ genannt, ist zertifizierter Lawinenausbilder. Im Winter arbeitet er als Guide und bietet Lawinenkurse an.

So viel Zeit wie möglich verbringt er auf Skiern und liebt es, den wenigen Besuchern „seine“ Berge zu zeigen. Er erzählte uns von seinen Lieblingsabfahrten: Koppartindsmassivet wegen des guten Schnees und Geländes, Nedre Tverrelvstindsrenna für den nötigen Adrenalinrausch und Vassnestind im Nordwesten wegen der unglaublichen Ausblicke auf Fjorde und Meer. Viele Möglichkeiten, aber auch viele Gefahren. So sprachen wir auch über die Lawinengefahr. Tore erklärte, an welchen Bergen wir extra vorsichtig sein müssten. Dann zeigte er auf ein Gebiet direkt hinter uns: „Da drüben wartet richtig viel Schnee auf euch. Wir nennen es den „Hokkaido-Wald“. Der Schnee ist eigentlich immer gut, weil der Wald absolut windgeschützt ist. Genau wie in Japan.“

Voll motiviert begann ich den Aufstieg in Richtung Storelvtinden. Bevor wir in den Wald eintauchten, überquerten wir eine flache Almwiese. Unsere Spur sah aus wie eine lange Schlange, die sich den Berg hinaufwand. Irgendwann sahen wir den „Hokkaido-Wald“ unter uns. Über der Baumgrenze spürten wir auch zum ersten Mal etwas Wind. Den Gipfel des Storelvtinden sparten wir uns, da der Schnee zu windverblasen war. Nach kurzer Rast mit warmem Kakao und einem Sandwich war es endlich so weit. Vor uns lag eine vielversprechende Abfahrt. Begeistert fuhr ich Richtung Wald los. Nach wenigen Schwüngen wurde ich richtig schnell, die Bäume hatten den perfekten Abstand und ich nahm sie wie Slalomstangen. Hinter mir staubte es.

Nach der Abfahrt waren wir in fünf Minuten an unserem Parkplatz. Dort gingen wir in das kleine Café, das gleichzeitig als Tourismusbüro diente. Der Geruch frisch gebrühten Espressos begrüßte uns, und der Karottenkuchen auf der Theke sah zu verlockend aus, um nein zu sagen. Wir hatten vier Tage. An einem fanden wir großartigen Schnee im Koppartindsmassivet, an einem anderen holten wir uns unsere Adrenalin-Dosis in den steilen Rinnen am Unteren Tverrlevstind. Wir fuhren mit dem Auto bis ans Ende der Straße und stiegen auf den Vassnestind. Laut Tore ein berüchtigter Berg, extrem dem Wetter ausgesetzt und meist völlig verharscht, aber auch bekannt für die wundervolle Aussicht über Fjorde, Meer und den dramatisch aussehenden Trolltindstopparna.

Je höher wir kamen, desto spektakulärer wurde die Aussicht. Und an diesem Tag konnten wir sie voll und ganz genießen. Wir stiegen auf, fuhren ab, stiegen wieder auf und fuhren wieder ab. Wir aßen zu Mittag, tranken heißen Kaffee aus der Thermosflasche und fuhren weiter Ski. Alles völlig entspannt und ohne Eile. Um Altas berühmte Nordlichter zu erleben, wollten wir schließlich auf dem Berg übernachten. Langsam versank die Sonne hinter der Trolltindane, und die magisch anmutende Landschaft mit ihren weißen Bergen und dunkelblauen Fjorden kleidete sich in übernatürlich weiches Licht. Als die letzten Strahlen erloschen, schalteten wir die Stirnlampen an und wieder aus. Einige „Wolken“ am Himmel begannen in schwachem Grün zu glühen.

Das waren keine Wolken. Die Aurora Borealis durchbrach die Dunkelheit und bog sich wie ein riesiger grüner Regenbogen über uns. Im Schein der Nordlichter begannen wir unsere Abfahrt über die offenen, schneebedeckten Hänge unter dem Gipfel des Vassnestind.

Polar Powder
© Fredrik Schenholm
Polar Powder
© Fredrik Schenholm
Polar Powder
© Fredrik Schenholm
Polar Powder
© Fredrik Schenholm
Polar Powder
© Fredrik Schenholm

Fahrer: Johan Engebratt, Erik Studer, Anders Wingqvist

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