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Norwegen · Lyngen Alps

Early Bird Norwegian Style

Ausgabe 2015 · Text: Teresa Brenner · Fotos: Anton Brey · 4 min Lesezeit

Early Bird Norwegian Style

Wer in den Alpen auf Skitour geht, bricht gewöhnlich sehr früh auf, gerade wenn im Frühjahr die Lawinensituation zu berücksichtigen ist und man guten Schnee für die Abfahrt haben möchte. Folgt man …

Wer in den Alpen auf Skitour geht, bricht gewöhnlich sehr früh auf, gerade wenn im Frühjahr die Lawinensituation zu berücksichtigen ist und man guten Schnee für die Abfahrt haben möchte. Folgt man dieser Early-Bird-Gewohnheit in Norwegen, ist man eigentlich selber schuld. Denn die heimischen Skitourengeher halten einen allzu zeitigen Aufbruch in den meisten Fällen für übertrieben und nicht notwendig. Schließlich hat man ja den ganzen Tag Zeit. Diese relaxte Art, auf Tour zu gehen, nahmen Melissa, Anton und ich erstaunt zur Kenntnis, als wir nördlich des Polarkreises in den Lyngen-Alpen unterwegs waren. Im Land mit den unzähligen Fjorden, Inseln und Bergen, die bis ins Meer und noch viel tiefer reichen. Die Uhren ticken anders in Norwegen.

Alles hat mehr Zeit, oder nimmt man sich mehr Zeit? Die Menschen sind entspannt, sie stricken viel, kein Wetter ist ihnen zu schlecht. Sie gehen gerne raus in die Natur, und jeder hat mindestens ein paar Gummistiefel zu Hause stehen. Im Fernsehen kann man eine Live-Übertragung eines Kamerateams verfolgen, das eine Rentierherde verfolgt. Die Muße dafür muss sich hierzulande erst einmal jemand nehmen! Nach Norwegen wollten wir schon 2014 fahren, doch wegen des mangelnden Schnees verschoben wir das Vorhaben um ein Jahr. Eine glückliche Fügung des Schicksals! Denn von unseren zehn Tagen Aufenthalt verzeichneten wir acht mit Sonnenschein und sogar einen Tag mit Neuschnee. Zwei Ruhetage brauchten wir ohnehin – was wollten wir mehr?

Als wir Mitte April in Tromsö ankommen, verbringen wir zunächst ein paar Tage mit Skitourengehen auf der Insel Senja südwestlich von Tromsö. Dann treibt uns die Wettervorhersage Richtung Lyngen-Alpen weiter. Dort werden wir nach vielen Sonnentagen von Schneefall begrüßt, was uns erst zweifeln lässt, ob wir unser Gipfelziel, den Jaegervastinden, überhaupt in Angriff nehmen können. Nach kurzem Beratschlagen in einem Café in Lyngseidet, dem Verbindungsort zwischen den nördlichen und südlichen Lyngen-Alpen, lässt uns die Aussicht auf einen sonnigen nächsten Tag aber unverzüglich zur Jaegervasshytta am Jaegersee aufbrechen.

Das Auto stellen wir am nördlichen Ende des Sees ab und gehen die ersten Meter der etwa drei Kilometer langen Strecke zu Fuß, mit den aufgefellten Ski am Rucksack. Den See erreichen wir nach einer kurzen Strecke durch den Wald, dann legen wir den weiteren Weg auf dem zugefrorenen See mit Ski zurück. Der freie Blick auf die umliegenden Berge begeistert uns schon jetzt. Wie herrlich muss es erst von oben sein! Bald liegt die Jaegervasshytta vor uns, eine gemütliche kleine Holzhütte direkt am See, mit holzbetriebener Sauna. Wir sind im Paradies gelandet. Wunderbar! Mit dem Schlüssel des norwegischen Wandervereins DNT, den wir als Mitglieder ausgeliehen haben, öffnen wir die Türe, um hier die Nacht zu verbringen.

Dank des Gas- und Holzofens, der Spielkarten und der Leckereien, die wir mitgebracht haben, mangelt es uns, fernab von Strom, Internet und Fernsehen, an nichts. Langsam verstehen wir es, den Lebensrhythmus der Norweger anzunehmen. Was uns noch fehlt, ist das Strickzeug und das nötige Geschick für dieses Handwerk. Am nächsten Morgen starten wir um sieben Uhr. Unserer Meinung nach schon recht spät, denn in den heimischen Bergen brechen wir im Frühjahr gewöhnlich zeitiger auf. Anfangs geht es gemütlich durch die Birkenwälder Richtung Store Jaegervastinden. In der Ferne sehen wir Rentiere und sind glücklich, den Spuren von William Cecil Slingsby, dem Erstbesteiger aus dem Jahr 1899, zu folgen.

Wir staunen über die majestätischen Berge Jaegervastinden, Trolltinden, Tafeltinden und Tvillingstinden, denen wir immer näher kommen. Ihr Anblick ist wunderbar! Die ersten Firnhänge meistern wir mit Fellen, weiter oben heißt es dann Harscheisen montieren. Ohne diese kleinen, wertvollen Steighilfen wären die Hangquerungen die reine Tortur. Schließlich erreichen wir eine steile, mit etwa 20 Zentimetern Neuschnee gefüllte Rinne, tauschen die Ski gegen Steigeisen und stapfen in der schattigen Rinne nach oben. Der Fels ist von Anraum umhüllt, und wir erkennen die verrücktesten Formen. Am Rinnenausstieg eröffnet sich im Sonnenschein ein atemberaubendes Panorama, das nur vom Gipfelglück 200 Meter höher übertroffen wird.

Bald drängen wir uns zu dritt auf dem winzigen Gipfel des Jaegervastinden, in 1.543 Meter Höhe. Ringsum fallen alle Hänge steil ab. Einfach wunderbar! Der Ausblick reicht vom See am Fuß der Berge über die nördlichen Lyngen-Alpen bis zum Meer auf der anderen Seite. Wir stehen zwar nicht auf dem Jiekkevarre, dem höchsten Gipfel der Lyngen-Alpen, der mit 1.833 Metern noch etwa 300 Meter höher reicht, aber in unserer Bergkette ist der Jaegervastinden der höchste! Schließlich steigen wir zum Skidepot zurück, und Mel und ich können in der langen Powder-Rinne bei sehr guten Verhältnissen ein paar tolle Linien ziehen. Unten angekommen treffen wir auf eine Skitourengruppe, die ebenfalls den Jaegervastinden anvisiert.

Die Norweger haben sich ein bisschen mehr Schlaf gegönnt, sind trotz der längeren Wegstrecke weitaus später aufgebrochen als wir – und finden trotzdem gute Bedingungen vor. Sie werden sicher auch noch eine gute Abfahrt haben. Wir freuen uns zwar, so früh wieder im Tal zu sein, überlegen aber, was wohl dabei wäre, bei der nächsten Frühjahrs-Skitour hier im Norden später aufzubrechen?! Zurück in der Hütte trocknen wir dank der warmen Temperaturen unsere Ausrüstung in der Sonne und füllen auf der Veranda die Energiespeicher mit einer selbst gekochten Mahlzeit und Tee auf. Die anschließenden Kartenrunden „Shithead“ genießen wir in der schönen Kulisse, verbunden mit dem guten Gefühl, etwas geleistet zu haben, doppelt.

Unsere Reise in den Norden Norwegens war mit extrem viel Wetterglück gesegnet, wofür wir besonders dankbar sind. Denn nur wenige Wochen zuvor hatten wir in Schottland das komplette Gegenteil zu spüren bekommen!

Early Bird Norwegian Style
© Anton Brey
Early Bird Norwegian Style
© Anton Brey
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© Anton Brey
Early Bird Norwegian Style
© Anton Brey
Early Bird Norwegian Style
© Anton Brey

Fahrer: Teresa Brenner, Melissa Presslaber

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