Norwegen · Narvik Range
Endless Backcountry
Ausgabe 2018 · Text: Mattias Fredriksson · Fotos: Mattias Fredriksson · 5 min Lesezeit

Wenn man von Skitouren in Nordnorwegen spricht, denken die meisten an die Lofoten und Lyngen. Narvik ist so gut wie unbekannt, obwohl es dort einige der besten Backcountry-Abfahrten Skandinaviens …
Wenn man von Skitouren in Nordnorwegen spricht, denken die meisten an die Lofoten und Lyngen. Narvik ist so gut wie unbekannt, obwohl es dort einige der besten Backcountry-Abfahrten Skandinaviens gibt. Wir sind in Skamdalen, eine gute Stunde südlich von Narvik, und das heutige Ziel ist die Skamdalsrenna, ein 400-Höhenmeter langes, steiles Couloir auf dem Tverrdalsfjellet, das wir vom Skamdalsvatnet, einem wunderschönen See 900 Höhenmeter weiter unterhalb, erreicht haben. Mein Freund Micke af Ekenstam, seit 20 Jahren in Narvik zuhause, geht voraus und macht auf den letzten Höhenmetern noch einmal Tempo. Wir waren die ganze Tour im Schatten, eine Weile hat es sogar geschneit, aber jetzt kommt die Sonne heraus. Typisch skandinavisches Frühlingswetter!
Nach eineinhalb Stunden Klettern mit Steigeisen und Pickel befinden wir uns im steilsten und engsten Teil des Couloirs – etwa 40 Grad, nicht breiter als zwei Skilängen und mit 100 Meter hohen Wänden an jeder Seite. Ich fühle mich winzig, vor allem wegen der ständigen Steinschlaggefahr. Wir schaffen es unversehrt zum Gipfel und nach einer wohlverdienten „Fika“, der skandinavische Ausdruck für einen Snack mit Kaffee oder Tee, machen wir uns bereit für die Abfahrt. Tagsüber hat der Wind alle alten Spuren verweht, die Abfahrt dürfte genial werden. Der 46-jährige Micke ist ein großartiger Skifahrer. Sein Stil ist kraftvoll und elegant. Er hat immer noch die gleiche Energie wie in den späten 1990ern, als er semiprofessioneller Freeskier war.
Es ist ein Genuss, ihn kontrolliert durch das Couloir tanzen zu sehen. Ich bin der Nächste, aber bei weitem nicht so stylisch. Nach einigen langsamen Jump Turns in der engen, steilen Einfahrt nehme ich schnell Fahrt auf. Auch wenn es nicht perfekt aussieht, es fühlt sich toll an. Die Bedingungen sind gut. Um ganz sicher zu gehen, fahren wir ohne anzuhalten durch. Zurück am See beobachten wir den Sonnenuntergang, der die Berge orange und rosa färbt, bevor die Sonne langsam endgültig verschwindet. Wir beenden einen großartigen Tag in den Bergen mit Bier und Rentierfleisch. Micke war viele Jahre lang Skibum und Botschafter für einige Skifirmen. Er spielte in Filmen mit und reiste durch die Alpen und Skandinavien.
Micke galt als einer der besten Freeskier Skandinaviens, mischte bei Wettbewerben oben mit und testete Produkte. Gleichzeitig studierte er Umweltwissenschaften und belegte im Herbst doppelte Kurse, um im Winter mehr Ski fahren zu können. Seine Leidenschaft fürs Skifahren, Klettern, Trail Running und Mountainbiken war und ist tief in seinem Alltag verwurzelt. Micke wuchs in Hemavan auf, einem kleinen Bergdorf in Schwedisch Lappland. Mit drei Jahren begann er mit dem Skifahren, mit zwölf Jahren mit Buckelpistenfahren. Schließlich fand er heraus, dass Tiefschnee mehr Spaß macht. Nachdem er das Skitourengehen ausprobiert hatte, wurde er süchtig.
Als er 2004 nach Narvik kam, gingen außer den Einheimischen nur wenige Leute auf Skitouren in die Berge rund um die Stadt. Narvik liegt am Ufer des smaragdfarbenen Ofotfjords, umgeben von schroffen Bergen und bewaldeten Hügeln. Ein Großteil der Geschichte Narviks ist der massiven Eisenmine in Kiruna in Schwedisch Lappland und der Ofot-Bahn zu verdanken. Narvik bestand nur aus ein paar Bauernhöfen, als die „Ofotbanen“ 1902 mit dem Transport von Erz aus Kiruna zum Hafen in Narvik begann – ein Wendepunkt in der Geschichte des Ortes. Noch heute fahren täglich zwölf Güterzüge mit tausenden Tonnen Eisenerz, das vom großen Hafen in Narvik in alle Welt exportiert wird.
Die Bahn ist die nördlichste elektrische Eisenbahn der Welt und eine der ältesten, die heute noch Eisenerz transportiert. Narvik ist auch für seine Geschichte im Zweiten Weltkrieg bekannt. Mitte der 1940er Jahre fanden viele Schlachten in den umliegenden Fjorden und in der Stadt statt. Der größte Teil Narviks wurde niedergebrannt, aber die norwegische Widerstandsbewegung rettete mit Hilfe der Briten, Polen und Franzosen die Stadt. Hitler und seine Männer mussten sich zurückziehen. Micke ist leidenschaftlicher Skibergsteiger, aber auch Familienvater mit einem festen Job. Er steht oft vor 6 Uhr morgens auf, um bis 7:30 Uhr auf einem Gipfel zu stehen. Er fährt dann auf Ski hinunter, geht nach Hause, duscht und frühstückt.
Als nächstes radelt er zur Arbeit und ist bis 9 Uhr dort. Das ist seine Morgenroutine, und er absolviert so bis zu 30.000 Höhenmeter pro Saison. Besucht man Narvik heute, wird man schnell merken, dass es ein echtes Outdoor-Mekka ist. Direkt über dem Stadtzentrum liegt ein kleines Skigebiet mit tollen Tiefschneehängen. Das Gelände ist so gut, dass Narvik oft als bester Skiort Skandinaviens bezeichnet wird; ein boomendes Stadtskigebiet mit mehr als 1.000 Höhenmetern und großem Offpiste-Repertoire. Rechnet man das ganze Backcountry mit seinen endlosen Möglichkeiten hinzu, ist der Ort Weltklasse. Es ist Mitte April, die Sonne geht spät unter. In den ersten Tagen erkunden Micke und ich das tolle Gelände rund um das Skigebiet.
Wir beginnen mit einer Liftfahrt, beenden den Tag aber in einem ganz anderen Tal. Am Tag nach dem Couloir in Skamdalen machen wir eine Tour, die oben im Skigebiet beginnt und in einem Dorf nahe der schwedischen Grenze endet. Zuerst steigen wir bis zum Tredjetoppen auf. Von dort aus fahren wir Teile der Mørkholla, einer steilen Backbowl, auch als Skandinaviens anspruchsvollste Backcountry-Piste bekannt. Anstatt das ganze Ding zu fahren, folgen wir dem Nordgrat hinunter zum Forsnesvatnet, einem See im nächsten benachbarten Tal. Von dort geht es direkt auf das Plateau unter der Beisfjordtøtta.
Nach einer Stunde belohnen wir uns mit einer langen Abfahrt über das Straumsnes Couloir nach Isvatnet und weiter zum Rombakkfjord, wo die Sonne im Wasser versinkt, als wir uns gegen 22 Uhr dem oberen Teil des Dorfes Straumsnes nähern. Wir haben heute keine anderen Skifahrer gesehen. Aber wir wissen, dass sich das langsam ändern wird. Die Hardcore-Skifahrer haben begonnen, die Narviks Qualitäten zu erkennen. Ich schätze mich glücklich, Narvik kennengelernt zu haben.





Fahrer: Micke af Ekenstam, Johan Jonsson, David Kantermo, Chad Sayers



