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Kanada · Canadian Rockies

Great Divide Traverse

Ausgabe 2011 · Text: Carsten Moldenhauer · Fotos: Carsten Moldenhauer · 6 min Lesezeit

Great Divide Traverse

Ich wache auf. Um mich herum ist es pechschwarz, mein Atem hinterlässt einen feuchten Schleier, von unten spüre ich stechende Kälte. Es dauert ein paar Sekunden, bevor ich weiß, wo ich bin: In meinem …

Ich wache auf. Um mich herum ist es pechschwarz, mein Atem hinterlässt einen feuchten Schleier, von unten spüre ich stechende Kälte. Es dauert ein paar Sekunden, bevor ich weiß, wo ich bin: In meinem Schlafsack auf einem Gletschercamp im kanadischen Hinterland. Ich öffne den Reißverschluss, ziehe meine Daunenschuhe an und verlasse das Zelt. Die Stirnlampe bleibt aus. Am wolkenlosen Himmel funkeln unendlich viele Sterne, die unberührten weiten Gletscher des Freshfield Eisfeldes reflektieren den Mondschein. Die Landschaft ist atemberaubend. Einsamkeit, drei Tage von jeglicher Zivilisation entfernt, und Stille. Nur das leise Klagen meines Magens ist zu hören.

Am Abend gab es zwei kleine Päckchen Instantnudeln, geteilt durch vier: Nicht gerade üppig, doch wir haben einen Tag Verspätung und nur noch Vorräte für eine weitere Mahlzeit. Neben den 26 Kilometern bis zu unserem nächsten Essensdepot müssen wir noch einen Lawinenhang überqueren, der gestern bereits teilweise mit uns abging. Ich wundere mich, weshalb ich nicht besorgt bin. Alles begann mit einer fixen Idee im November 2010: Auf Ski von Jasper nach Lake Louise. Es bedurfte lediglich einer einzigen E-Mail an die üblichen Verdächtigen und das Team stand fest: Gerry Heacock, Edward McCarthy, Daniel Robb und ich.

Unser Ziel: Eine 350 Kilometer lange Skiüberschreitung der Berge der kanadischen Wildnis, vorbei an einigen der spektakulärsten Berglandschaften der Welt, über insgesamt acht Eisfelder – und das in 20 Tagen. Die Vorbereitungen erschienen wie bei einer Expedition: Essen dehydrieren, Überstunden anhäufen, unbezahlten Urlaub beantragen. Aufgrund der Länge des Trips musste ich letztendlich sogar meinen Job kündigen, um mir den Traum zu ermöglichen. Da man in den kanadischen Rockies keinen Handyempfang hat, besorgten wir uns zur Sicherheit und zur Nachverfolgung unserer Position auf unserer Webseite einen SPOT GPS-Sender, der uns auch noch im hintersten Winkel Kontakt zur Außenwelt garantieren würde.

Von insgesamt 19 Übernachtungen würden wir 14 im Zelt und fünf in Biwakschachteln verbringen. Um mit möglichst wenig Gewicht zu gehen, planten wir, entlang der Tour drei Essensdepots einzurichten. Ende März 2011 flog ich endlich nach Kanada und legte alle Depots an. Anfang April trafen dann auch Dan, Ed und Gerry in Canmore ein. Am darauffolgenden Morgen ging es sofort los: Vom Tonquin Valley Trailhead zur Wates Gibson Hütte. Dies sollte auch das letzte Mal in den kommenden zwei Wochen sein, dass wir anderen Menschen begegneten. Wir feierten den Beginn unserer Tour mit selbst mitgebrachten Steaks und Käsefondue. Die ersten Schwierigkeiten kamen direkt am zweiten Tag. Bei der Überquerung eines Flusses brach unter Ed eine Schneebrücke ein.

Glücklicherweise konnte er sich ein paar Zentimeter über dem Wasser noch an den Überresten der Brücke festhalten. Außerdem entdeckten wir beim ersten Aufbau, dass an einem unserer 3-Season-Leichtzelte ein Gelenk gebrochen war. Dieses Problem konnten wir mit zwei Stöcken und viel Tape lösen. Wir hatten den Trip bewusst für das Frühjahr geplant, um längere Tage, wärmere Temperaturen und weniger Tiefschnee anzutreffen. Die Rekordschneefälle des Winters machten uns jedoch einen Strich durch die Rechnung. Vor allem auf den Gletschern war knietiefes Spuren angesagt. Auch die Temperaturen überraschten uns.

Bereits das erste Gletschercamp auf dem Hooker Eisfeld war bitter kalt: Nach einem sehr sonnigen Tag mit gefühlten 20 Grad Celsius folgten nach Sonnenuntergang minus 20 Grad Celsius und weniger. Schon bald hatte jeder im Team eine feste Aufgabe. Fanden wir einen geeigneten Zeltplatz, gruben Dan, Ed und ich für die beiden Zelte eine größere, 50 Zentimeter tiefe Fläche in den Schnee. Gerry übernahm das Ausheben der Küche und startete die Kocher. Wenn die Zelte standen, war bereits die Suppe fertig. Anschließend wurde das Hauptgericht rehydriert, gleichzeitig wechselten wir in warme Sachen und tauschten die Skischuhe gegen Daunenschuhe. Sofern Holz zu finden war, folgte nach dem Essen ein Lagerfeuer.

Nach einer Woche erreichten wir im Schneesturm das Chaba Eisfeld. Das schlechte Wetter gab uns einen guten Grund für einen ersten, dringend nötigen Ruhetag. Trotz Schneegestöbers und obwohl Gerry Geburtstag hatte, ging es am Tag darauf ohne Diskussion weiter, denn die Essensvorräte wurden knapper. Erst am Abend ließen wir Gerry mit Whisky und Schokolade hochleben. Glücklicherweise fanden wir für die improvisierte Geburtstagsparty den wohl einzigen windgeschützten Ort des Columbia Eisfeldes am Rand einer Gletscherspalte, die gerade groß genug für beide Zelte war. Am zehnten Tag unserer Durchquerung befanden wir uns endlich in Reichweite unseres zweiten Essensdepots.

Unerwartet stießen wir auf Skispuren und kurz darauf auf eine Nachricht, die in den Schnee geschrieben war: „Edward und Kellen waren hier, Mittwoch 15 Uhr. Viel Erfolg." Gerrys Vater Edward und unser Freund Kellen hatten sich ebenfalls in die Wildnis aufgemacht, um uns für eine Nacht beim zweiten Depot zu besuchen. Sie hatten nur 19 Minuten Vorsprung, das Timing war also mehr als perfekt. Wir beschleunigten unseren Schritt und wurden bald mit einem Lagerfeuer und frischen Weintrauben und Grapefruit belohnt – einer der Höhepunkte unserer Tour. Am Morgen danach zog Nebel auf. Bereits kurz vor Mittag sahen wir uns aufgrund einsetzenden Schneefalls und schwerer Orientierungsprobleme dazu gezwungen, anzuhalten.

Unter einem fünf Meter hohen Felsüberhang fanden wir zwar einen gut geschützten Zeltplatz, die Motivation war jedoch am Boden. Jeder im Team hatte bereits einen schlechten Tag, in diesem Moment hatte es dann mich voll erwischt. Ich konnte nicht aufhören, an einen Burger und ein bequemes Bett zu denken. Nach einem halben Ruhetag waren wir alle wieder voll da. 1.900 Höhenmeter Aufstieg über den Alexandra Gletscher trennten uns von einer kleinen Biwakschachtel auf dem Lyell Eisfeld. Der Aufstieg forderte unsere letzten Kraftreserven: Knietiefes Spuren im Nebel, dazu noch durch sehr komplexes Gelände.

Aber auch dieses Mal wurden wir belohnt: Im Essensrestefach des Biwaks fanden wir vier Kilogramm Spaghetti, woraufhin ein Festmahl aus drei Gängen Nudeln folgte. Im zweiten Teil der Tour kamen wir nur langsam voran. Am 16. Tag lagen wir einen halben Tag hinter dem Zeitplan und standen erst mittags vor dem Südhang des Mt. Lambe. Die Schneelage war gefährlich, der sonnengebackene Hang ließ uns zögern. Angesichts der wieder einmal knapp werdenden Vorräte entschieden wir uns, das Risiko einzugehen und stiegen trotz unseres mulmigen Gefühls in den Hang ein. Und es kam, wie es kommen musste: Dan fuhr mit einem 20 Meter langen Schneebrett 70 Meter den Hang hinunter. Glück im Unglück, es passierte nichts.

Daraufhin schlugen wir unser Lager trotz schwindender Vorräte auf. Noch einmal sehe ich in der Stille und Einsamkeit der Nacht zum Mt. Lambe hinüber, die Sterne glitzern und der Mond spiegelt sich im Schnee. Morgen müssen wir das dritte Essensdepot erreichen, das hinter dem Berg liegt. Als ich ins Zelt zurückkrieche, frage ich mich noch einmal, warum ich nicht besorgt bin. Ist es nur das Vertrauen in unser großartiges Team? Bevor ich meine Augen schließe, kommt mir ein letzter Gedanke: Vielleicht weil ich jetzt genau hier und nirgendwo anders sein will. Innerhalb von zwei Tagen überquerten wir nach dieser Nacht und einem Ruhetag die beiden Eisfelder Wapta und Waputik. Als wir endlich in Lake Louise ankamen, wurden wir bei Sonnenschein von Verwandten und Freunden mit Sekt empfangen und feierten anschließend ausgiebig mit einigen Burgern.

Great Divide Traverse
© Carsten Moldenhauer
Great Divide Traverse
© Carsten Moldenhauer
Great Divide Traverse
© Carsten Moldenhauer
Great Divide Traverse
© Carsten Moldenhauer
Great Divide Traverse
© Carsten Moldenhauer

Fahrer: Edward McCarthy, Gerry Heacock, Carsten Moldenhauer, Daniel Robb

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