BACKLINE Magazin
EN

Norwegen · Troms District (Reinfjord / Lyngen)

Lines Upon the Water

Ausgabe 2017 · Text: Antte Lauhamaa · Fotos: Mikko Lampinen · 4 min Lesezeit

Lines Upon the Water

Als wir uns der Küste näherten, stand ich auf dem Schiffsdeck und beobachtete, wie die Berge aus dem Meer wuchsen. Die „Opal“, unser isländischer Zweimaster, pflügte ruhig durch das Wasser, während …

Als wir uns der Küste näherten, stand ich auf dem Schiffsdeck und beobachtete, wie die Berge aus dem Meer wuchsen. Die „Opal“, unser isländischer Zweimaster, pflügte ruhig durch das Wasser, während sich unsere Mannschaft bereitmachte, in der Nähe des Couloirs an Land zu gehen, das wir vorher auf Google Earth entdeckt hatten. Es gab keine andere Möglichkeit als das Boot, um diesen Ort zu erreichen. Die nördlichen Inseln nahe Norwegens Finnmark bieten ein enormes Potenzial für niemals enden wollende Ski-Abenteuer. Schwierig ist alleine die Anreise. Das Boot ist das einzige Verkehrsmittel, und wenn man bedenkt, dass man über das Polarmeer segelt, dann reicht nicht irgendeine Jolle.

Die Opal mit ihrem elektrischen und zusätzlichen Dieselmotor als Backup (und natürlich ihren beiden Segeln) war unser Ticket, um an unser Ziel im Nirgendwo zu kommen. Die Expedition begann in Lyngseidet, Lyngen. Wir wollten nach Norden, um neue Orte zum Skifahren zu suchen. Das war schon immer mein Traum. Ich fahre seit 1998 in der Region Lyngen Ski, hatte aber nie die Chance, zu den mit Bergen übersäten Nordinseln zu fahren. Die nächste große Herausforderung war das Wetter. Bei unserer Abreise wütete ein Schneesturm, in dessen Zuge drei Autos auf der Hauptstraße nach Tromsø verschüttet wurden. Nach dem Sturm fing es dann erst so richtig an zu schneien.

Unser Abenteuer startete mit einem Treerun durch ein hüfttief verschneites Birkenwäldchen am Kåfjord, da es keinen anderen Weg gab, den Berg zum Hafen hinunterzukommen. Wenn man ein Abenteuer plant, hofft man immer auf blauen Himmel und perfektes Wetter, aber in letzter Zeit wird immer deutlicher, dass man wettertechnisch überhaupt nichts mehr vorhersehen kann. Um die Nordpolarkappe herum gab es diesen Winter mehr Stürme als je zuvor. Die Temperaturen lagen zwischen +5 und -30 Grad Celsius, für den Januar fast zu warm. Aus meiner Sicht ist klar, dass sich das Klima ändert. Die Wettervorhersage gab für den Rest der Woche grünes Licht, aber wir wussten, dass wir vorsichtig sein mussten.

Der Schnee war möglicherweise instabil und wir kannten weder Gelände noch Region. Nach einem Boxenstopp in Skjervöy fuhren wir gen Osten nach Reinfjord. In dem Dorf leben acht Menschen und man erreicht es nur mit dem wöchentlichen Schnellboot aus Skjervöy. Nach dem Andocken in dem alten Hafen, der einst von Fischerbooten benutzt wurde, wollten wir endlich Skifahren gehen. Die Straßen waren schneebedeckt und wir sahen keinerlei Spuren. Die Häuser schienen verlassen, aber als wir über die Hauptstraße des Dorfes schoben, begrüßte uns ein älteres Ehepaar vom Balkon ihres Hauses. Sie erzählten uns, dass seit zwei Wochen niemand vorbeigekommen war, weil das Wetter so schlecht war, dass das Schnellboot nicht fahren konnte.

Wenn die Bedingungen grenzwertig sind, ist es schön, an einem Ort zu sein, der viele Optionen bietet – deshalb hatten wir den Reinfjord ausgewählt. Wir wussten auf den ersten Blick, dass wir hier richtig sind: Man konnte das Gelände wochenlang erkunden, ohne einen Hang zweimal zu fahren. Um die lokalen Schneeverhältnisse kennenzulernen, beschlossen wir, den Boazovuoncahca zu besteigen, einen leichten Gipfel südlich des Dorfes. Als wir uns auf den Weg machten, riss das Wetter auf und wir konnten plötzlich die Umgebung sehen. Vom Boot aus hatten wir Couloirs entdeckt, die auf der westlichen Seite des Berges bis hinunter zum Ufer führten, also beschlossen wir, sie uns von oben einmal näher anzusehen, was letztendlich ein paar Seillängen Kletterei miteinschloss.

Dann aber sahen wir direkt in eines der Hauptcouloirs und beschlossen, es umgehend zu versuchen. 500 Meter Steilhang. Als wir unten am Wasser ankamen, hatten wir alle ein riesiges Grinsen im Gesicht. Zurück auf dem Boot planten wir bei Sonnenschein sofort den nächsten Tag. Das Gelände etwas weiter unten im Fjord rund um Jökelfjord hatte es uns angetan. Wir lichteten den Anker und schipperten los. Der nächste Tag bewies erneut, dass man sich nicht aufs Wetter verlassen kann. Der Wind wehte aus Osten und es schneite heftig. Zwei Stunden von Reinfjord entfernt dockten wir im alten Hafen von Jökelfjord an. Da an diesem Tag an Skifahren nicht zu denken war, vertrieben wir uns die Zeit damit, Lawinenabgänge auf der anderen Seite des Fjordes zu beobachten.

Auf dem Weg hatten wir ein wunderschönes Couloir am Aibmadasgaisa gesehen, das mir im Vorfeld bereits auf Google Earth aufgefallen war. Der Plan für den nächsten Tag stand also. Die Bedingungen waren insgesamt nicht gerade ideal, aber es sah so aus, als wäre das Couloir relativ gut vom Wind verschont geblieben. Am nächsten Morgen brachten wir unsere Ausrüstung an Land. Der Anstieg zum Hang unserer Träume war einigermaßen sicher und leicht. Auf dem Weg testeten wir den Schneeaufbau und erhielten die Bestätigung, dass das Couloir nicht vom Wind betroffen war. Nachdem wir zwei Schwünge über Eis machten, stellte sich sogar heraus, dass der Rest nur noch Powder war. Es war die beste Abfahrt, die ich je erlebt habe!

Bei Sonnenschein zogen wir unsere Schwünge, während unten bereits das Boot auf uns wartete. Wir vermuteten, dass es eine Erstbefahrung war, da das Couloir mehr als schlecht erreichbar ist. Deswegen nahmen wir uns heraus, es „Opal“ zu taufen – zu Ehren der hölzernen Lady, die uns sicher und wohlbehalten zu den wunderbaren Inseln in Norwegens Norden und zurück gebracht hatte.

Lines Upon the Water
© Mikko Lampinen
Lines Upon the Water
© Mikko Lampinen
Lines Upon the Water
© Mikko Lampinen
Lines Upon the Water
© Mikko Lampinen
Lines Upon the Water
© Mikko Lampinen

Fahrer: Antte Lauhamaa

Mehr aus Norwegen