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Norwegen · Hurrungane Range (Turtagrø)

Magic Moments

Ausgabe 2016 · Text: Anton Brey · Fotos: Anton Brey · 5 min Lesezeit

Magic Moments

Beruflich wie privat machen Berge einen bedeutenden Teil meines Lebens aus. Im Januar 2011 sah ich während einer Norwegenreise in einem Skimagazin ein Foto, das mich in den vergangenen Jahren immer …

Beruflich wie privat machen Berge einen bedeutenden Teil meines Lebens aus. Im Januar 2011 sah ich während einer Norwegenreise in einem Skimagazin ein Foto, das mich in den vergangenen Jahren immer wieder beschäftigte. Ein Bild von einem Berg, so wie ich keinen zuvor gesehen hatte. Es war Liebe auf den ersten Blick. Wieder zuhause suchte ich danach und wurde in der Gemeinde Luster im Hurrungane-Gebirge fündig. Ein Plan war schnell geschmiedet, aber oft klappen Dinge nicht so, wie man sie gerne hätte. Und so vergingen fünf Jahre. Letzten Herbst erzählten mir Robert und Tom, dass sie für eine Woche zum Skitourengehen nach Norwegen wollten. Genau in das besagte Gebiet.

Die Frage, ob ich nicht Lust hätte, mitzukommen, war schnell entschieden: Klar war ich dabei, als es Ende April zum Ringstind ging. Via Oslo erreichen wir mit einem kleinen zweimotorigen Flugzeug Sogndal, von dort mit dem Mietwagen Turtagrø, auf 900 Meter über dem Meer gelegen. Vom gleichnamigen Hotel im Ort wollen wir Touren in die Hurrungane-Gruppe unternehmen. Die Lage und Höhe des Massivs am Ende des Lusterfjords bringt reichhaltige Niederschläge und im Winter viel Schnee. Allerdings befindet sich die Region oberhalb der Baumgrenze, was bei schlechtem Wetter keine Alternativen offen lässt, abgesehen von der riesigen Sammlung alpiner Literatur in der hoteleigenen Bibliothek und Kaffee trinken.

Normalerweise ist der erste Tag für den Zustieg mit schwerem Gepäck und einen nicht enden wollenden Hatsch reserviert. Auf der Hütte gibt es Erbsensuppe, Hüttenschlafsack, schnarchende Skibergsteiger im Lager, Teewasser etc. Nicht so hier: Ab Ostern wird die Straße nach Turtagrø geräumt und das Hotel für die Skitourensaison geöffnet. Bei Kaiserwetter erreichen wir ganz bequem unser Domizil, beziehen die Zimmer und studieren die geplanten Touren auf der Terrasse mit der Karte auf dem Tisch und den Bergen direkt vor uns. Nach dem Check der aktuellen Lawinenlage gilt unsere Aufmerksamkeit der Straße nach Årdal. Im Moment ist sie bis zur Schranke geöffnet, was für die klassischen Touren schon einmal zwei bis drei Kilometer flachen Zustieg spart.

Um acht Uhr morgens stolpern wir wie Pauschaltouristen zum Frühstücksbuffet. Das Wetter ist perfekt, die Quecksilbersäule steht unter der Null. Eine Stunde später ziehen wir die Felle auf, unser erstes Ziel ist der Store Dyrhaugstinden. Nach ungefähr einer dreiviertel Stunde zeigt sich im Südwesten der Ringstind. „Wow!“ denke ich, „der ist in natura noch tausendmal beeindruckender als damals auf dem Foto.“ Mit seinem vom Gletscher überdeckten Osthang und der grimmigen, leicht überhängenden Nordwand und den Gletscherbrüchen darunter – eben ein Berg, wie es ihn kein zweites Mal gibt. Wir steigen recht flott auf und stehen bald auf dem Store Dyrhaugstinden. Die Aussicht ist grandios.

Im Osten liegt der Store Skagastølstind, im Süden der Ringstindane, dahinter der Austanbotntind, im Westen der Soleibotntindane und der Lauvnostinden mit seiner 800-Meter-Ostrinne. Nach einer kurzen Pause fahren wir über den Südwesthang mit topp Schneebedingungen ab. Ein leckeres Drei-Gänge-Abendessen schließt den perfekten ersten Skitag ab, und wir einigen uns für den nächsten Tag auf den Lauvnostinden. Dort haben wir zwei steile Abfahrten zur Auswahl. Gegen neun Uhr verlassen wir das Frühstücksbuffet und begeben uns in die Komfortzone. Wie am Vortag geht es einen nicht enden wollenden Rücken hinauf, der am höchsten Punkt in einen Grat ausläuft. Hier zieht einladend der Osthang 800 Meter ins Tal. Da muss alles passen, darf es keinen Fehler geben.

Robert sucht eine geeignete Stelle, führt einen kleinen Blocktest durch und findet eine Rauhreifschicht 20 Zentimeter tief in der Schneedecke. Das hat auch der norwegische Lawinenbericht beschrieben. Wir lassen also den Osthang Osthang sein, steigen die letzten Meter zum Gipfel und über einen Grat zum Einstieg einer anderen Rinne. Hier sind uns schon zwei Fahrer zuvor gekommen, die gleich am Einstieg die Schwachschicht gestört und im oberen Teil eine Lawine ausgelöst haben. Die beiden hatten Glück und konnten noch umdrehen. Wenn es nicht passt, sollte man es auch nicht erzwingen. So nehmen wir den Weg zurück ins Tal, den wir auch raufgekommen sind. Am dritten Tag ist es am Vormittag eher grausig.

Leichter Schneefall und flaches Licht sorgen dafür, dass wir bis Mittag abwarten. Gegen elf Uhr ist der Tatendrang zu groß und wir brechen bei mäßiger Sicht in Richtung Dyrhaugstind auf. Nach einer Stunde sehen wir ein, dass es keinen Sinn hat, weiter zu gehen. Wir ziehen die Felle ab und fahren ab. Am Nachmittag, beim zweiten Bier, löst sich dann die Bewölkung auf, und wir geben uns mit der Aussicht von der Terrasse zufrieden. Spätestens jetzt stellen wir fest, dass man Ende April in Norwegen auch später losziehen kann. Es wird erst um 21 Uhr dunkel, also ist auch am späten Nachmittag noch genug Zeit für eine kleine Tour. Der vierte Tag beginnt mit dem Zustieg durch das Helgedalen zum Fannåraki.

Nach einer knappen Stunde türmt es sich vor uns auf: Tausend Meter geht es jetzt ohne viel Umschweife hinauf. Oben angekommen, erkennen wir die Hütte erst auf den zweiten Blick – sie ist von einer dicken Schicht aus Schnee und Eis umhüllt. Von hier oben bekommt man den besten Überblick über den östlichen Teil der Hurrungane mit den nordseitigen Hängegletschern über dem Styggedals- und Gjertvassbreen. Vor dem Hotel wächst seit zwei Tagen eine Zeltstadt: Demnächst beginnt hier das „High Camp Turtagrø“. Ein Skitouren-Festival mit über 4.000 Teilnehmern, die zum Tourengehen und Party machen hierher kommen. Es ist Zeit für uns zu gehen. Aber nicht ohne zuvor noch auf den Store Ringstind zu steigen. Auf diesem Gipfel zu stehen ist mit Abstand der emotional stärkste Moment – und ein krönender Abschluss unserer Reise.

Magic Mountains
© Anton Brey
Magic Mountains
© Anton Brey
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© Anton Brey
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© Anton Brey
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© Anton Brey

Fahrer: Robert Grillhösl, Thomas Zimmermann

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