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Norwegen · Senja

No Way, Norway!

Ausgabe 2017 · Text: Anne Wangler · Fotos: Roman Knopf · 5 min Lesezeit

No Way, Norway!

Mit einem groben Ziel im Kopf, wo die Reise hingehen sollte, starteten wir Anfang April in Richtung Norden. Wir hatten weder Pläne noch große Erwartungen, wollten uns im Vorfeld wenig Gedanken …

Mit einem groben Ziel im Kopf, wo die Reise hingehen sollte, starteten wir Anfang April in Richtung Norden. Wir hatten weder Pläne noch große Erwartungen, wollten uns im Vorfeld wenig Gedanken machen, um dann von Tag zu Tag aufs Neue überrascht zu werden. Überrascht von einsamen Landstrichen, herrlichen Gipfeln und atemberaubenden Aussichten. Frei nach dem Motto: Je weniger Planung, desto mehr Abenteuer und Freiheit. Ich weiß nicht, wie oft sich Roman lange vor der Reise meine Schwärmereien über die Schönheit des hohen Nordens anhören musste, aber offensichtlich hatte ich ihn neugierig genug gemacht, um sich mir und meiner Wohnung auf vier Rädern anzuschließen.

Ich habe die letzten Jahre viel Zeit in Norwegen verbracht und jede noch so kleine Ecke erkundet. Ich glaube, es gibt zwischen Lofoten und Kvaløya keine Straße, die ich noch nicht gefahren bin. Für Roman sollte es das erste Mal werden. Mit unglaublich vielen Erinnerungen im Gepäck freute ich mich vor allem darüber, meine Lieblingsflecken erstmals mit jemandem teilen zu können, nachdem ich vorher die meiste Zeit alleine nördlich des Polarkreises unterwegs war. Wir packten den Bus mit allem, was wir für die nächsten Wochen gebrauchen könnten: Ski-Equipment, Angeln, Daunenjacken, Regenjacken in doppelter Ausführung, Rucksäcke, Zelt, Longboards, genügend Gas zum Kochen, jede Menge Wein... und Rum.

Vollkommen überladen ging es durch Deutschland bis nach Rostock zum Fährhafen. Die sechsstündige Überfahrt brachte uns nach Trelleborg. Entlang der Ostküste Schwedens fuhren wir immer weiter nach Norden bis zur finnischen Grenze. Von nun an sollten uns die leeren, geraden Straßen nach Nordwesten tragen. Endlose Weite. Wir trafen mehr Rentiere als Menschen, sahen mehr Schneemobile als Autos. Und die Tatsache, dass die Lappländer unglaublich lange, nur aus Konsonanten bestehende Ortsnamen haben, brachte uns zur Erkenntnis, dass es schlichtweg unmöglich ist, sie auszusprechen. Roman war bereits auf dem Weg durch Schweden und Finnland total überwältigt von den Eindrücken der Natur und Landschaft.

Ich konnte ihm immer nur den gleichen Rat geben: „Warte mal ab.“ Endlich, nach drei Tagen und etwa 3.000 Kilometern, sahen wir das erste Mal das Meer und parkten das Auto am perfekten Spot für die Nacht. Fernab der Straße, direkt am Wasser und umgeben von fast kitschig pink gefärbten, schneebedeckten Bergen. Motor aus, aussteigen. Schweigen. Tief ein- und ausatmen, genießen und sich des Lebens freuen. Beim ersten Glas Rotwein versuchten wir mit der Karte und dem Guidebook auf dem Schoß, einen groben Plan zu schmieden. Nach einiger Zeit schlugen wir die Bücher zu, stießen an und einigten uns auf „Egal, wir schauen, was uns gefällt, fellen auf und gehen los.“ Exakt dieser Plan funktionierte die nächsten Tage ausnahmslos überraschend gut.

Alles war so easy. Eat. Sleep. Ski. Fish. Repeat. Du willst Ski fahren – schau dich um und geh. Du hast Hunger – fang einen Fisch. Du bist müde – leg dich in den Bus. Zeit spielt keine Rolle. Just go with the flow. Das einzige, was uns etwas zu schaffen machte, war die Kälte. Die Standheizung funktionierte zwar, allerdings verwandelte sie den Bus in Sekundenschnelle in eine Sauna, die dann zwei Minuten nach dem Ausschalten wieder zum Gefrierfach wurde. Was uns half? Dicke Daunenjacken und Tee mit (etwas) Rum. Um das Ganze ein wenig zu verdeutlichen: Das Olivenöl war mit der Ankunft in Nordnorwegen fest und verblieb in diesem Zustand, bis wir Südschweden wieder erreichten. Das Gleiche galt für Nutella.

Nun gibt es für beides Alternativen, daher war es kein ernstzunehmendes Problem. Wir entwickelten kleine Rituale: Die erste Tätigkeit nach dem Aufwachen bestand beispielsweise darin, die eiskalte Gaskartusche zu sich in den bis dato kuschlig-warmen Schlafsack zu packen. Schnick-Schnack-Schnuck entschied darüber, wer an der Reihe war. Was uns das (Skifahrer-)Leben aber wirklich schwer machte, war das Trocknen der Skischuhe. Schien nach dem Zurückkommen von der Skitour die Sonne, hatten wir die Situation halbwegs im Griff. War dies allerdings nicht der Fall, weil entweder das Wetter zu schlecht oder wir schlichtweg zu spät dran waren, blieb uns nichts weiter übrig, als die Schuhe mit Papier auszustopfen und zu hoffen.

Jeden Morgen standen wir auf, frühstückten, tranken Kaffee, freuten uns auf einen neuen Gipfel und dann kam der Gedanke an das Anziehen der gefrorenen Skischuhe. Neeeeiiiin! Das war aber unser einziges echtes Problem. Jammern auf hohem Niveau. Tatsächlich wurden wir täglich mit wunderschönen, einsamen Skitouren inklusive spektakulären Aussichten belohnt und vergaßen darüber schnell das Leid über die nassen Liner. An einen Gipfel hatte ich besondere Erinnerungen. Im Sommer zuvor hatte ich ihn entdeckt, war einfach losgelaufen, hatte den höchsten Punkt nach einer Stunde erreicht und war sprachlos. Ich stand bereits auf einigen Gipfeln, aber die Aussicht vom Segla („Segel“) sucht ihresgleichen. Noch nie zuvor fühlte ich mich so demütig und klein.

Luftig beschreibt den schmalen Grat wohl ganz gut. 640 Meter direkt bis ans Meer: Ich war mir sicher, dass das fast surreale Bild, das sich mir darbot, das schönste war, was ich je gesehen hatte. Leider konnte ich diesen Moment nicht teilen, was mich damals auf dem Gipfel sehr traurig machte. Für mich waren zwei Dinge klar: Ich würde wiederkommen, und zwar mit Ski an den Füßen, und ich möchte jemanden dabeihaben, der diese Einzigartigkeit ebenso schätzt wie ich. Ich habe Roman nicht viel über den Segla erzählt, nur, dass er für mich von großer Bedeutung ist. Wir parkten den Bus, packten unsere Sachen und begannen den Aufstieg.

Geht man nah an der Kante, lassen sich bereits einige kleine Einblicke erhaschen, jedoch ist es unmöglich zu erahnen, was einen am Gipfel erwartet. Auf den letzten Metern ließ ich Roman den Vortritt: „Der erste Moment gehört dir.“ Weitere Worte waren danach unnötig. Danke, Mutter Natur. Danke, Norwegen.

No Way, Norway!
© Roman Knopf
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© Roman Knopf
No Way, Norway!
© Roman Knopf
No Way, Norway!
© Roman Knopf

Fahrer: Anne Wangler

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