BACKLINE Magazin
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Norwegen · Sunnmøre Alps (Hjørundfjord)

Sailboats and Steep Couloirs

Ausgabe 2013 · Text: Anthony Bonello · Fotos: Mattias Fredriksson · 5 min Lesezeit

Sailboats and Steep Couloirs

Vom Bergsattel blicken wir auf den 900 Meter tiefer liegenden Fjord, der im Abendlicht glänzt. Über uns der Mt Saksa (1.023 Meter), unter uns ein unberührtes Couloir, das direkt in dem Fjord endet …

Vom Bergsattel blicken wir auf den 900 Meter tiefer liegenden Fjord, der im Abendlicht glänzt. Über uns der Mt Saksa (1.023 Meter), unter uns ein unberührtes Couloir, das direkt in dem Fjord endet, wo unser Segelboot wartet. Wir fahren ein, der Schnee ist stiefeltief, Schneewolken werfen lange, staubende Schatten, bevor wir zum nächsten Schwung ansetzen. Oben ist es eng, dann wird der Hang breiter und das Tempo schneller, bis wir ein Waldstück erreichen, das an der Felsküste des Hjørundfjords endet. Wir schwingen ab, Schnee spritzt ins Wasser und löst sich ebenso schnell auf wie die letzten Sonnenstrahlen über dem Westufer des Fjords. Das Ruderboot setzt lautlos über und bringt uns auf das Segelboot.

In einer Mischung aus Ruhe und erregtem Hochgefühl machen wir uns für heute auf den Rückweg. Unsere Gruppe, das sind die Freeskier Chris Rubens, Greg Hill und Andreas Fransson. Für die bleibenden Erinnerungen sind außerdem Fotograf Mattias Fredriksson, Filmer Jeff Thomas und ich mit dabei. Unser Kapitän ist der außerordentlich angenehme Zeitgenosse Arne Fagerhaug, ein 57 Jahre alter Norweger. Er ist in Ålesund geboren und seit seiner Kindheit auf Booten unterwegs. „Gezeugt wurde ich in einer Skihütte in den Bergen des Hjørundfjorden, behauptet jedenfalls mein Vater“, erzählt er.

An Bord der Maud of Ålesund, einem 17 Meter langen Fischerboot aus dem Jahr 1917, das zum Skiboot umgebaut wurde, navigiert Arne durch den Hjørundfjord und bringt uns jeden Tag zu einer neuen Tour. Wir gehen von Bord und fellen auf, bevor wir auf den Graten und Hängen über dem Wasser nach Powder, Aussicht und norwegischen Bergabenteuern suchen. Zwei Tage zuvor waren wir von Ålesund Richtung Hjørundfjord in den Sunnmøre Alpen gesegelt. Bei der Einfahrt grüßten uns, gleichsam als Wächter des Fjords, steile Wände, die direkt ins Wasser abfielen. Wie ein langer, gezackter Finger erstreckt sich der Hjørundfjord von der Norwegischen See nach Südosten.

Ein malerischer, ruhiger Meeresarm, der unzählige Täler berührt, in denen sich kleine Dörfer unter mächtigen Gipfeln eingenistet haben. Das Gelände ist perfekt zum Skifahren geeignet. Viele der umliegenden Fjorde sind zu steil, um den Schnee zu halten oder bieten vom Wasser aus keinen Zugang. Das Auffälligste an der Region ist, dass es keinerlei Industrie gibt. Laut Arne sind hier in den letzten 50 Jahren nur ein Hotel in Sæbø und eine neue Fähre hinzugekommen. Traditionell wird hier Landwirtschaft betrieben, und so grasen im Sommer Viehherden auf den Hochalmen der Berge über der Küste. Dies verdeutlichen uns auf einer Skitour über dem Dorf Ytre Standal zwei von Bauern im 19. Jahrhundert erbaute Hütten.

Im weiteren Verlauf der Tour kommen wir zum majestätischen Svinestinden (1.125 Meter), dessen Nordostflanke uns mit gutem, weichen Schnee und perfekt blauen Himmel zu einer Abfahrt einlädt. Es ist März und der Frühling liegt in der Luft, aber noch sind die Tage kalt und konservieren den Schnee. Am Nachmittag erforschen wir die Steilhänge des Romedalstinden (1.295 Meter), deren kupiertes Gelände in der Mittagssonne seine Farben wie ein Chamäleon ändert. Am Hafen schnallen wir ab, steigen aufs Boot und segeln über den Fjord zurück. Als Basis dient uns ein Haus in Trandal. Der Weiler am Ostufer des Fjords unterhalb des Hjelledalstindane besteht aus etwa 20 Häusern.

Es gibt einen Pub, keinen Laden, und trotz der wenigen Einwohner kommt drei Mal am Tag die Fähre. Im Sommer finden drei Festivals statt: eines für frisch Geschiedene, ein Blues-Festival und eines für Country-Musik. Am nächsten Tag spuren wir direkt vom Haus durch das Tal nach Osten an den Fuß des eindrucksvollen Råna (1.586 Meter). Ein gewaltiger Bergkessel wartet mit langen, felsigen Rinnen und Graten auf, die wir in Angriff nehmen. Mit kurzen, schnellen Schwüngen geht es vom zerklüfteten Grat hinunter auf die weitläufigen Wiesen. Mit der über den klaren, blauen Himmel wandernden Sonne folgt uns stets auch der Schatten des Bergmassivs. Unser Interesse gilt nun der Nordostseite des Hjelledalstindane.

Die gleichmäßige, exponierte und von einem dünnen Felsband durchzogene Flanke wirkt irgendwie einschüchternd. Da wir uns von oben spektakuläre Ausblicke auf den Fjord versprechen und der Schnee gut aussieht, machen wir uns auf den Weg. Während sich der Himmel langsam von Blau in Abendrot verfärbt, steigen wir gut 500 Meter auf. Der Schnee ist knietief und überhaupt nicht windverblasen. Unter uns liegt glänzend der ruhige Fjord, mit Wassern ebenso tief wie unser Gipfel hoch ist. Greg fährt als erster los, zieht lange, flüssige Schwünge und hinterlässt eine Pulverwolke, die glitzernd in der Luft verharrt. Der Himmel färbt sich langsam rosa, als Chris und Andreas abfahren und bei jedem Schwung die wunderbare Atmosphäre in sich aufsaugen.

Am Abend belohnen wir uns mit frischem Fisch, der gleich hinter unserem Haus gefangen wurde. Heilbutt, Lachs und Seeteufel, zubereitet ohne großes Trara, damit der Geschmack der See wirken kann. Wir stoßen mit einem Slogen auf den Tag an, einem ausgezeichneten Bier, das nach dem Berg benannt ist, der am Ende des Fjords weiter südlich das Wahrzeichen der Region markiert. In unseren Beinen spüren wir die intensiven Skitouren der letzten Tage und verbringen den nächsten Tag mit Angeln. Direkt vom Boot werfen wir die Angelschnüre in das spiegelglatte Wasser mit Blick auf den Slogen aus. Automatisch dreht sich das Gespräch um die Möglichkeit, auch ihn noch zu besteigen.

Als Greg einen Seelachs aus dem Wasser zieht, vergessen wir kurz unsere Gedanken ans Skifahren. Aber der begehrte Fisch ist noch zu klein, also wirft er ihn zurück ins Wasser. Jeff holt einen zwei Kilo schweren Lengfisch (Dorschart) heraus, den Arne sofort ausnimmt und in Salzwasser kocht, um ihn keine 20 Minuten später zu servieren. Der Fisch zerfällt förmlich auf der Gabel und schmeckt ausgezeichnet. Am letzten Tag unserer Reise fellen wir noch einmal auf und machen uns auf den langen Weg zum Gipfel des Slogen (1.564 Meter), dem „Matterhorn Norwegens“. Kurz nach Mittag erreichen wir den Gipfel. Dieses Mal sind wir nicht alleine. Ein Strom von Norwegern begleitet uns, teilweise mit alpiner, aber auch mit nordischer Tourenausrüstung. Am Slogen angekommen stoßen wir mit dem gleichnamigen Bier auf neue Freunde, gutes Essen und unser norwegisches Skiabenteuer an.

Sailboats and Steep Couloirs
© Mattias Fredriksson
Sailboats and Steep Couloirs
© Mattias Fredriksson
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© Mattias Fredriksson
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© Mattias Fredriksson
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© Mattias Fredriksson

Fahrer: Andreas Fransson, Greg Hill, Chris Rubens

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