Norwegen · Sognefjords (Sogndal)
Sogndal Blues
Ausgabe 2015 · Text: Hanna Finkel · Fotos: Jacob Slot · 4 min Lesezeit

Bei ambitionierten skandinavischen Freeridern gilt der Ort Sogndal an den Ausläufern des mächtigen Sognefjords als Secret Spot. Die zwei Skigebiete der Region – das Sogndal Skisenter Hodlekve und das …
Bei ambitionierten skandinavischen Freeridern gilt der Ort Sogndal an den Ausläufern des mächtigen Sognefjords als Secret Spot. Die zwei Skigebiete der Region – das Sogndal Skisenter Hodlekve und das Sogn Skisenter Heggmyrane bei Hafslo – gehen nur am Wochenende, in der Ferienzeit oder an vereinzelten Abenden unter der Woche mit Flutlicht in Betrieb. Von Ende November bis Mitte Februar sind die Skitage in der Region Sogn og Fjordane zwar kurz und dunkel, aber von reichlich Schneefall geprägt. Trotz des bisweilen dämmrigen Tageslichts bietet Sogndal eine angenehm-ruhige Atmosphäre, Schneemassen von feinster Qualität, abwechslungsreiche Treeruns, einsame Skiabfahrten bis zu den Ufern der Fjorde – und das alles bei einer vertretbaren Lawinenlage.
So war es bis zum letzten Tag unserer Reise... In der kleinen norwegischen Studentenstadt Sogndal beginnen die Skitage spät. Am Wochenende oder in der Ferienzeit kommen die schweren Motoren der Tellerlifte nur langsam in die Gänge. Trotzdem verschlägt es zahlreiche skandinavische Freerider wegen des fantastischen Schnees in die Region Sogn og Fjordane. Der Grund für die gute Schneequalität ist das relativ milde Klima in Kombination mit der Kjølen-Gebirgskette, die sich von Südosten nach Nordwesten erstreckt. Tiefdruckgebiete entladen sich vor den Gebirgszügen des Jotunheimen, und der Niederschlag geht in der Regel ohne Windeinfluss von Regen in Schnee über. Auf die regionale Lawinenlage sowie den Schneedeckenaufbau wirkt sich das sehr positiv aus.
Lawinenunfälle mit menschlicher Beteiligung sind dem „Varsom Lawinen- und Schneeinstitut“ für die Region bisher kaum bekannt. Wir sollten jedoch bald eines Besseren belehrt werden... An den trüben Dumpingdays zu Beginn unserer Reise flüchteten wir der Sicht wegen in die steilen Pillowlines und anspruchsvollen Treeruns unterhalb der Baumgrenze. Unglücklicherweise wurde für die kommenden Tage Regen und steigende Temperaturen vorhergesagt, so dass es uns in höhere Lagen zog, wo wir noch guten Schnee zu finden hofften. Das angepeilte Ziel lag knapp zwei Autostunden nördlich und bot mit dem Jostedalsbreen eine aufregende und verlassene Gletscherregion. Die Ausläufer des größten europäischen Festlandgletschers waren der Startpunkt unserer Tour.
Nach einer abenteuerlichen Autofahrt fanden wir uns in einer einsamen Gegend fernab jeglicher Zivilisation wieder. Im strömenden Regen verloren wir nicht viel Zeit, marschierten gleich los und wurden bereits auf den ersten Metern vom Nebel verschlungen. Ich versuchte mich mit der düsteren Atmosphäre auseinanderzusetzen. Meine Erwartungen von Freeriden in Norwegen kreisten um weitläufige, fantastische Ausblicke über eine atemberaubende, einsame Fjord-Landschaft. Stattdessen erlebte ich eine auf die Dauer etwas bedrückende Dunkelheit und Whiteouts. Irgendwann auf unserem Weg über den Jostedalsbreen ging der Regen endlich in Schneefall über. Schließlich wurde der Schnee leichter und fluffiger.
Wir bewegten uns kontinuierlich auf die Baumgrenze zu, was zwar eine bessere Schneequalität versprach, aber auch schlechter werdende Sicht. Als aus den Wolken undurchdringlicher Nebel wurde, entschieden wir umzukehren und abzufahren. Ganz darauf bedacht, meine Kollegen nicht aus den Augen zu verlieren, hielt ich mich so gut es ging in der Mitte. Die Souveränität ihrer Turns verriet mir, dass das Gelände nicht schwer zu sein schien. Kamen sie ins Straucheln, war Vorsicht geboten. Nach solch dunklen, aufregenden Skitagen war es schön, abends an einen warmen und geborgenen Ort zurückzukehren. Den fanden wir während unseres Aufenthalts in Uteplassen, einer Ansiedlung traditioneller norwegischer Hütten etwa 20 Kilometer nördlich von Sogndal.
Das Leben spielt sich in Uteplassen im Hostel-ähnlichen bunten Gemeinschaftsgebäude ab. Das abendliche Beisammensein bei selbstgekochter Suppe und sympathischen Gesprächen tat gut. In mir machte sich wieder wohltuende Wärme breit. Endlich Bluebird. Am letzten Tag unseres Norwegen-Trips begrüßten uns ein wolkenloser Himmel und strahlender Sonnenschein! Sofort war klar, dass wir einen Spot aufsuchen würden, an dem wir endlich in den Genuss der langersehnten Fjordblicke kämen und sogar bis an dessen Ufer abfahren würden. Diesen Ort fanden wir unmittelbar nach dem Fjærlandstunnelen an einem Ausläufer des Jølstravatnet Fjords. Mit den Tourenskiern starteten wir unbekümmert und euphorisch vom östlichen Ufer des Fjords weg.
Alles schien perfekt: das Wetter, der Schnee, die atemberaubende Landschaft, die Stimmung. Auf den letzten Höhenmetern riss uns jedoch plötzlich ein tiefes und drohendes Wumm-Geräusch aus unseren Hochgefühlen. Von einem Moment auf den nächsten setzte sich wenig unterhalb von uns zuerst ein kleines, gefolgt von einem zweiten, viel gewaltigeren Schneebrett in Bewegung. Wie gelähmt von diesem unglaublichen Szenario taten wir im ersten Moment nichts anderes, als die beiden Lawinenabgänge zu beobachten. Einen Augenblick später starrten wir ungläubig auf die knapp zwei Meter hohe Abrisskante zu unseren Füßen. Der Wind hatte ganze Arbeit geleistet. Und die plötzliche Temperaturerhöhung durch die Sonne tat ihr übriges.
Sofort kontaktierten wir den örtlichen Lawinenwarndienst. Die Zuständigen betonten die äußerst prekäre Lage unterhalb 1.100 Meter, gaben aber grünes Licht, das nun feste Schneefeld unterhalb der Abrisskante einzeln abzufahren. Auf dem heiklen Rückweg durch das Tal waren wir uns auf einmal der Gefahr sehr bewusst, die uns von beiden Talseiten bedrohte. Mit weichen Knien, endlos weiten Abständen und dem Gedanken daran, dass jeder Schritt irgendwie der letzte sein könnte, bewegten wir uns durch dieses scharfe Minenfeld zurück zum Ausgangspunkt. Die Stimmung an diesem Abend war ernst. Im Gespräch versuchten wir, die Erlebnisse des Tages zu verarbeiten. Hätten wir die Gefahr, die in der Schneedecke gelauert hatte, früher erkennen können? Hatte uns der so lange ersehnte Sonnenschein, der Wunsch, unsere Tourenerwartungen endlich zu erfüllen, so sehr geblendet?





Fahrer: Hanna Finkel, Seb Mayer, Knut Myking, Pia Nic Gundersen



