Norwegen · Flåmsdalen
Trains, Waffles and Norwegian Skiing
Ausgabe 2020 · Text: Fredrik Schenholm · Fotos: Fredrik Schenholm · 5 min Lesezeit

Es ist kaum vorstellbar, dass es einen besseren Ort für ein Hotel gibt, das sich auf Skitouren spezialisiert hat. Das Hotel Vatnahalsen liegt auf 820 Metern über dem Meeresspiegel und ist von Bergen …
Es ist kaum vorstellbar, dass es einen besseren Ort für ein Hotel gibt, das sich auf Skitouren spezialisiert hat. Das Hotel Vatnahalsen liegt auf 820 Metern über dem Meeresspiegel und ist von Bergen umgeben, die wie geschaffen fürs Skifahren sind. Das Hotel ist die perfekte Unterkunft für Skifahrer, die ein komfortables Erlebnis abseits des Gewöhnlichen suchen. Das Hotel ist aber nur ein Grund für die Einzigartigkeit des Erlebnisses; die Anreise zum Hotel ist ein weiterer. Vatnahalsen ist nur per Zug erreichbar. Sobald dieser den Bahnsteig verlassen hat, kommen keine weiteren Skifahrer mehr an. Mit einer Kapazität von weniger als hundert Gästen gibt es unverspurten Powder für alle.
Der ideale Ort für jeden, der große Berge, keine Menschenmassen und ein gemütliches Hotel sucht. Ich war zum ersten Mal 2017 hier und wurde sofort süchtig. Die fünfstündige Zugfahrt von Oslo war ein Genuss mit bequemen Sitzen und schöner Aussicht. Als meine Buddies und ich am Bahnhof Myrdal ausstiegen, war es unmöglich, nicht von der Aussicht begeistert zu sein. Berge mit unzähligen Linien rings um den Bahnsteig. Um das Hotel zu erreichen, muss man die Felle aufziehen und etwa 20 Minuten schieben. Ich muss dazu sagen, dass wir während des damaligen zweitägigen Aufenthalts kein Glück mit dem Schnee hatten. Aber das Hotel und die Berge begeisterten mich, und ich wusste, dass ich eines Tages wieder zurückkommen müsste. „Wow, man sieht den Fjord!“
denkt Christoffer Axelsson laut, während wir die Aussicht vom 1.465 Meter hohen Gipfel des Bleienuten genießen. Ich bin zurück in den Bergen oberhalb des Hotels Vatnahalsen. Und ich bin genauso verliebt wie vor drei Jahren. Dieses Mal haben wir mehr Glück mit dem Schnee. Der Fjord, von dem Christoffer spricht, heißt Aurlandsfjord. Er ist ein Seitenarm des zweitlängsten Fjords der Welt, dem Sognefjord. Um vom Ende des Aurlandsfjordes in die offenen Gewässer des Atlantischen Ozeans zu gelangen, muss man 170 Kilometer mit dem Boot fahren. Weit unter uns durchschneidet ein weiteres Naturwunder die Berge. Das steile und enge Flåmtal schlängelt sich vom Fjord hinauf in die alpine Landschaft.
Man kann mit der Flåmbahn das ganze Tal hinauf zum Vatnahalsen fahren. Die Fahrt wird oft als „eine der schönsten Zugstrecken der Welt“ bezeichnet. Sie ist 20 Kilometer lang und führt durch 20 Tunnels. Und es dauerte 20 Jahre, bis sie fertiggestellt war. Dies ist der zweite Gipfel auf der heutigen Tour. Der Tag begann, wie alle Tage, mit dem Aufziehen der Felle direkt am Hoteleingang. Während wir uns fertig machten, genossen wir den Ausblick auf das, was uns der Tag bringen würde: Erst die Überquerung der Eisenbahnschienen, um den Fuß des Berges Urdshovd zu erreichen. Der erste Teil ist ziemlich steil, bevor man die Südseite erreicht, die zum Gipfel führt.
Von dort geht eine erstklassige Abfahrt ins Tal zwischen Urdshovd und Bleienuten, wo man eine Brotzeitpause einlegen kann, bevor man die Felle wieder aufzieht. Die Tour hinauf zum Bleienuten ist dann eine Diretissima mit einem kurzen Steilstück vor jenem Gipfel, der diese Aussicht auf den Fjord bietet. Nach der Rast auf dem Gipfel ist es Zeit für die Abfahrt. Die 950 Höhenmeter bis ins Flåmtal und zum Dorf Kårdal gehören zu den besten und längsten Abfahrten in der gesamten Region. Auf den ersten 500 Metern handelt es sich um weite, offene Pisten, wie geschaffen für „Formel-1-Schwünge“. Der untere Teil und die letzten 450 Meter sind anders, mit Bäumen und Wellen, da wird es spielerischer.
„Das war eine super Abfahrt,“ sagt unser Guide, Christian Edelstam, als er auf unsere Spuren zurückblickt. „Jetzt können wir entweder weiterfahren und die Flåmbahn zurück zum Hotel nehmen. Oder wir spuren die 300 Höhenmeter entlang der Navvy Straße hoch zum Hotel.“ Das Vatnahalsen hat eine lange Geschichte. Ursprünglich 1896 als Sanatorium konzipiert, wurde es nie zu diesem Zweck genutzt. Stattdessen entpuppte es sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts als beliebtes Winterreiseziel. Die Menschen nannten es das „St. Moritz Skandinaviens“. Es brannte 1940 bis auf die Grundmauern ab und wurde 1954 wieder aufgebaut. Das Hotel ist eine der wenigen Haltestellen entlang der Flåmbahn, was gut für das Geschäft ist.
Die 100.000+ Menschen, die jedes Jahr damit fahren, tun dies hauptsächlich im Sommer. Dadurch ist der Ort im Winter eher ruhig, was wiederum perfekt für Skifahrer ist. Eines der Markenzeichen des Hotels sind seine Waffeln. Es gibt sie jeden Nachmittag kostenlos im gemütlichen Wohnzimmer neben der Rezeption. Wenn die Skifahrer zurückkehren, sind sie ein willkommener Leckerbissen. Wir machen da keine Ausnahme. Nach unserer langen Tour freuen sich unsere müden Beine auf die Couch und unsere Mägen auf die Waffeln. Am nächsten Tag machen wir uns auf den Weg zum höchsten Berg der Gegend, nördlich des Hotels. Er heißt Tarven und ist 1.703 Meter hoch. Er sieht aus wie ein riesiger Schildvulkan mit flachen Flanken.
Die Abfahrt vom Gipfel zurück zum Hotel erweist sich erwartungsgemäß als einfach. Aber die Waffeln sind nach dem langen Tag am Berg auch heute ein willkommener Genuss. Der nächste Tag. Blauer Himmel und etwas Neuschnee. Heute wollen wir die Berge direkt hinter dem Hotel befahren. Dieser Bereich ist ein riesiger Spielplatz mit weiten, leeren Hängen, Steilabfahrten, Rinnen und Bäumen. Als wir etwa 40 Minuten vom Hotel entfernt an den Lawinenverbauungen vorbeikommen, sehen wir das erste Couloir. Wir steigen auf das Plateau ein paar hundert Meter über uns und machen uns bereit für die Abfahrt. Wir genießen den unverspurten Schnee bis hinunter zu den Gleisen der Bahn. Plötzlich erschreckt uns alle das Signal eines herannahenden Zuges.
Wenig später passiert uns ein Zug mit ziemlich hoher Geschwindigkeit. Als das Geräusch im Tunnel verklingt, schaut Christoffer mich an und lacht. Das war nicht unser Zug. Wir müssen noch nicht abreisen. Auf uns warten noch mehr Gipfel, Linien und Waffeln, bevor wir unsere landschaftlich wunderschöne Heimreise antreten müssen.





Fahrer: Camilla Antonsson, Rikard Andreasson, Christoffer Axelsson, Per Jonsson



