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Norwegen · Lofoten

Mountains in the Sea

Ausgabe 2011 · Text: Bruno Compagnet · Fotos: Daniele Castellani · 4 min Lesezeit

Mountains in the Sea

Ich kenne niemanden außer unseren beiden Italienern Giuliano und Daniele, die mit zehn Kilo Pasta, drei Kilo Bresaola, Unmengen Parmesan, Schokolade und Tomatensauce reisen. Nach anderthalb Stunden …

Ich kenne niemanden außer unseren beiden Italienern Giuliano und Daniele, die mit zehn Kilo Pasta, drei Kilo Bresaola, Unmengen Parmesan, Schokolade und Tomatensauce reisen. Nach anderthalb Stunden wilder Verhandlungen am Check-In – unser Gepäck hatte extremes Übergewicht – sitzen wir schließlich in einem engen Billigflieger und kämpfen mit den Nachbarn um die begehrten Zentimeter an der Armlehne. Es ist drei Uhr in der Nacht. Wir landen in einem kleinen Fischerdorf namens Henningsvaer am Ende der Welt, mitten im Meer: Nicolai wartet schon. Er begrüßt uns und führt uns zu unserer Unterkunft. Müde fallen wir mit Vorfreude auf die kommenden Tage und Eindrücken ins Bett.

Da sind wir nun, auf den Lofoten, einer westlich vor der Küste Nordnorwegens gelegenen Inselgruppe, die aus circa 80 Inseln besteht. Ein nicht ganz alltägliches Skiabenteuer wird in den kommenden Tagen Wirklichkeit werden. Die geographische Lage der Lofoten Inseln und die Nähe zum Meer bieten abwechslungsreiche und einmalige Freeride Bedingungen innerhalb weniger Kilometer. Der morgendliche Blick aus dem Fenster direkt auf das Meer sowie auch die folgende Vorgehensweise erinnern mich stark an das Wellenreiten. Aufstehen, Wetter checken, Bus beladen, Spot anfahren und dann in vollen Zügen genießen. Verkehrte Welt – wir haben Ski anstelle der Surfbretter auf dem Dach. Die Zeit vergeht ungewöhnlich schnell.

Wohl deshalb, weil die Wetterbedingungen so häufig wechseln und unsere Sinne ständig auf Trab halten. Innerhalb einer Stunde kann man erleben, wie heftige Schneefälle in wunderbare Frühlingstage übergehen, wie der Wind einmal die Wolken verjagt und dann wieder Schneefall herantreibt. Die bizarren Lichtunterschiede sorgen für spektakuläre Momente in der Atmosphäre. Wir stehen jeweils um 5.00 Uhr morgens auf und lassen uns von der Natur unseren Tagesablauf bestimmen. Zehn lange Tage geben wir uns dieser wunderschönen Gewohnheit hin. Sie werden tief in meinem Gedächtnis eingraviert bleiben, einige Erinnerungen davon ganz besonders stark. Am ersten Tag wandern wir durch die nahegelegenen Wälder, entlang des Meeres, durch frischen Neuschnee.

Wir genießen die Tour – es ist eine besondere Stimmung in der Luft. Am Fuße des Fjordes haben die Einheimischen ein Tipi aufgebaut. Im Zelt stehen einfache Bänke mit Rentierhaut bezogen. Wir verweilen und lassen uns das einfache Mittagessen schmecken. Nach der Stärkung steigen wir höher hinauf, es wird stürmisch, der Wind lässt uns seine volle Gewalt spüren. Erst am späten Nachmittag kehren wir zu unserem Gastgeber zurück, der uns mit Tee, Kaffee und köstlichen Waffeln verwöhnt. Mit vollem Magen und leerem Kopf genieße ich die Aussicht aus dem Fenster. Ich beobachte das tobende Gewitter, die Adler und die Schiffe im Hafen. Gerne nehmen wir die Einladung meines Freundes zum Abendessen an, der auf einem Fischerboot arbeitet.

Wir vertilgen einen Eimer frisch gefangener Shrimps und spülen diese mit ordentlich Bier herunter. Die pure norwegische Gastfreundlichkeit. Es möge uns nie schlechter gehen. Bei der ersten Skitour beschließen wir, zu einem schneebedeckten Fjord aufzubrechen. Wir müssen zwischendurch einige Verwehungen wegschaufeln, um mit unserem Bus durchzukommen. Irgendwann ist aber doch Endstation – der hohe Schnee macht eine Weiterfahrt einfach unmöglich. Wir schnallen unsere Ski an und starten mit dem Aufstieg. Mit zunehmender Höhe wird der Anblick über den gesamten Fjord immer faszinierender und noch atemberaubender. Die vielfältigen Wahrnehmungen überwältigen mich.

Ich höre Möwen kreischen, in der Ferne liegen Schiffe im Hafen, bei jedem Atemzug kann ich das Meer riechen und dazu kommt die Vorfreude auf die vor mir liegende Tiefschneeabfahrt. Was für eine intensive Kombination. Bald ziehen wir einsame Linien zwischen den Weißbirken hinunter zum Fjord. Es ist das Sahnehäubchen an diesem einmaligen Tag. Am Parkplatz angekommen befestigt Giuliano ein Seil am Auto und zieht uns bis nach Hause. Die Trucker werfen uns fassungslose und amüsierte Blicke zu. Havard, unser Fahrer, schnauft nach der Ankunft erleichtert durch und sagt ganz trocken: „Das elfte Gebot muss man halt beherrschen – sich nicht erwischen zu lassen!" Wir lachen ausgelassen und freuen uns, dass wir keiner Polizeikontrolle begegnet sind.

Der Berg der letzten Tour nennt sich „Die Teufelspforte". Der Aufstieg startet an einem Friedhof. Als wir die Kapelle erreichen, frage ich mich, ob der Name den klimatischen Bedingungen der Umgebung Rechnung trägt oder eine Anspielung auf die möglichen Folgen dieser Tour sein soll. Ich trage die Tasche des Kameramanns. Der Aufstieg ist heikel, 15 Zentimeter Neuschnee bedecken blankes Eis. Gut, dass jeder seine Steigeisen mitgenommen hat. Ich schaue zum Himmel hinauf, der sich Stück für Stück verdunkelt. Meine Lungen brennen vor Kälte, meine Beine fühlen sich von der Anstrengung der letzten Tage taub und ausgelaugt an. Als wir ans Ziel gelangen, bedeckt eine verfluchte Wolke den Gipfel und bringt uns kurzen und heftigen Niederschlag.

Die Dämmerung setzt langsam ein, trotzdem beschließe ich, noch einen nahegelegenen Vorgipfel zu besteigen. Unser Fotograf Sverre begleitet mich. So schnell wie die Wolken gekommen sind, reißt es auch schon wieder auf, der Wind legt sich, die Sonne strahlt und frischer glitzernder Pulverschnee liegt in der Luft. Tränen kullern über meine Backen. Sverre schießt die schönsten Bilder des Trips. Die „Teufelspforte" ist dem Himmel schon recht nah – denke ich mir und begreife, was vielleicht hinter der Bezeichnung stecken könnte – es wird schwer sein, diese Erlebnisse noch mal zu toppen. Den letzten Abend verbringen wir auf einem Fischerboot.

Erst in den frühen Morgenstunden kehren wir mit Nicolai's Hilfe in guter alter Wikinger-Manier zurück in unsere Wohnung. Nach kurzem Schlaf dürfen wir erneut um die begehrten Zentimeter an der Armlehne im Flieger kämpfen. Die Zivilisation hat uns zurück.

Mountains in the Sea
© Daniele Castellani
Mountains in the Sea
© Daniele Castellani
Mountains in the Sea
© Daniele Castellani
Mountains in the Sea
© Daniele Castellani

Fahrer: Giuliano Bordoni, Bruno Compagnet, Vegard Rye, Nicolai Schirmer

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